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Rundbrief von Christoph Gempp aus Cahabón, Guatemala - Juni 2006Landwirtschaftliches Institut "Fray Domingo de Vico"Liebe Freunde, Liebe Freundinnen, schon seit längerer Zeit denke ich daran einen Rundbrief zu schreiben und damit auch allen danken, die uns in den vergangenen Monaten ihre finanzielle Unterstützung zukommen liessen. Die Zeit vergeht so schnell und hier geschieht so viel und ich möchte Euch wieder einmal auf dem Laufenden halten. Unsere Schule macht sehr interessante Entwicklungen durch. In früheren Briefen habe ich immer wieder auf die Notwendigkeit aufmerksam gemacht, dass im Bereich tropische Landwirtschaft dringend neue Wege gesucht werden müssen. Die Tropenwälder sind weltweit am Verschwinden und unsere Bauern und Bäuerinnen, die es seit Generationen gewohnt sind Wald abzuholzen, um wie ihre Vorfahren Mais anbauen zu können, sehen sich mit der Problematik konfrontiert, dass die Böden immer weniger Ertrag abwerfen und sie ihre Familien nicht mehr ernähren können. Das bisher ungebremste Wachstum führt zur Tatsache, dass die Familien ihren Söhnen und Töchtern kein Land mehr vermachen können und diese gezwungen sind in die Stadt zu ziehen, da sie vor Ort keine Möglichkeit sehen ein Auskommen zu erwirtschaften und eine Familie zu gründen. In der Grossstadt sehen sie sich aber auch unwillkürlich wieder mit Arbeitslosigkeit, Armut und Gewalt konfrontiert. Es ist dringend notwenig von einer extensiven zu einer intensiven Landwirtschaft überzugehen und natürliche Methoden anzuwenden, die die Regeneration der Böden ermöglichen. Im Klartext heisst dies auf weniger Land effizient und auf natürlicher Grundlage mehr zu produzieren. Unsere Landwirtschafsschule experimentiert nun seit 8 Jahren spezifisch und gezielt mit natürlichen Methoden, die die Regeneration der Böden ermöglicht. Als wir mit dem Experiment begannen, waren wir selber nicht sicher, ob es auch funktionieren wird. Mais ist die Hauptnahrung der Mayas. Mais ist aber eine sehr anspruchsvolle – ja egoistische - Pflanze. Sie entzieht dem Boden wichtige Nährstoffe, um in kurzer Zeit eine doch recht eindrückliche Entwicklung durchzumachen. Sind wir uns dessen bewusst, dass die Maispflanze in 4 Monaten bis zu 2 Metern wächst und dabei auch noch die Maiskolben entwickelt? In unseren Breitengraden werden die Böden natürlich entsprechend gedüngt. Aber im Fall der tropischen Landwirtschaft, die nur über sehr dünne Böden verfügt und das Abbrennen der Felder der Normalfall ist, liegt es auf der Hand, dass der Boden bei Überstrapazierung nichts mehr hergeben kann. Beim Abbrennen sterben die Mikroorganismen bis zu 40 cm unter der Erde. Der Boden stirbt. Seit 8 Jahren brennen wir nun die Böden nicht mehr ab. Und unsere Ernteerträge steigen von Jahr zu Jahr. Dies scheint ein bescheidener Erfolg zu sein. Tatsache ist, dass wir vor Jahren auch nicht wirklich sicher waren, ob es funktionieren wird. Niemand hatte in unserer Gegend jemals systematisch versucht Mais anzubauen ohne das Feld vorher abzubrennen und ein Bohnengewächs zu integrieren, das wesentlich dazu beiträgt den Boden zu düngen. So erfüllt der Landwirtschaftsbetrieb unserer Schule hundertprozentig seinen Zweck: Experimentiergelände für neue Methoden zu sein, die wir zum geeigneten Zeitpunkt den Bauern und Bäuerinnen vorschlagen können. Der Mais ist das Herz der Mayakultur. Wussten Sie, dass der Mais ursprünglich aus Mesoamerika stammt? Aufgrund der Kulturpflanze Mais gelang es den Mayas sich ihr grosses Wissen in Bereichen wie Mathematik und Astronomie anzueignen und ein Territorium mit über 80 durchorganisierten Stadtstaaten zu bevölkern. Dank des Maises hatten die Mayas den Hunger bezwungen: Mais ist lange haltbar und sichert die Ernährung für ein ganzes Jahr. Die Mayas hatten Zeit sich anderen Aktivitäten zu widmen. Die Anbaumethoden sind wohl ungefähr 5000 Jahre alt: Wald abroden, abbrennen und ansäen. Es braucht keiner langen Erklärung um begreiflich zu machen, dass es eines geduldigen und einfühlsamen Prozesses bedarf, um in dieser Praxis eine Veränderung herbeizuführen. Der Bauer lässt sich nur schwer durch Reden und Vorträge überzeugen, vielmehr durch Resultate, die konkret ersichtlich sind. Zu Beginn hatte ich noch das unangenehme Gefühl Chinesisch zu sprechen, auch wenn meine Worte korrekt in Q’eqchi’ aus meinem Mund kamen: Die Bauern konnten sich schlicht und einfach nicht vorstellen, dass der Mais wachsen wird auch wenn die Felder nicht abgebrannt werden: die Mäuse, die Vögel und andere mehr im magischen Bereich liegende Vorbehalte. Und wir selber hatten das Resultat ja auch noch nicht wirklich überzeugend gesehen. Doch als vor 2 Jahren die ersten Bauern in der Vollversammlung der Familien der Schüler das Wort ergriffen und aus eigener Erfahrung Zeugnis gaben vom Erfolg der Maisernte in nicht angebrannten Feldern, wurde es mir wohl ums Herz. Während 3 Jahren hatten die Schüler die Aufgabe ein kleines Stück Land mit den von uns vorgeschlagenen Methoden anzubauen. Nach dieser Phase des Ausprobierens hatten sich die meisten Familien überzeugen können, dass das Resultat der Ernte kurzfristig gleich ist mit dem der traditionellen Anbaumethode und sich langfristig verbessert, da sich der Boden aufgrund der Ansammlung des organischen Materiales regeneriert. Gross war unsere Freude, als wir feststellen durften, dass Familienangehörige und Nachbarn ebenfalls beobachteten, was sich da tat, sich vom Resultat überzeugen liessen und nun ihre Felder nicht mehr abbrennen. Dies tönt sehr bescheiden, die Tatsache aber, dass Bauern ihre Felder nicht mehr abbrennen, ist in der tropischen Landwirtschaft eine echte Revolution, denn sie ist Zeuge eines tiefen Mentalitätswandels. Es handelt sich nicht nur um einen technischen Eingriff, sondern um eine kulturelle Veränderung, die tief im emotionalen und geistigen Bereich der Bauern und Bäuerinnen anzusiedeln ist. Es gibt einen sehr zentralen Ritus im Leben der Q’eqchi’: Watesink. Wörtlich heisst dies „zu essen geben“. Die Q’eqchi’ sind vom Glauben beseelt, dass jeder Ort dieser Welt einen geistlichen Eigentümer hat, den sie Tzuul Taqa nennen. Dies heisst im Grunde nichts anderes, als dass die Erde beseelt ist. Die Seele der Erde muss in Harmonie und Einklang stehen mit denen, die sie benutzen und von ihr leben. Die Menschen schulden ihr Respekt. Rituell werden der Erde zum Beispiel am Tag der Saat oder an anderen wichtigen Tagen Maisfladen, Hühner- oder Schweinefleisch und Kakao dargebracht und in den 4 Himmelsrichtungen vergraben. Wir greifen diesen Gedanken auf und versuchen ihn zu erweitern und in einem gewissen Sinne zu materialisieren: Es genügt nicht mehr, wenn die Erde nur spiritual ernährt und geehrt wird, sie muss auch real „essen“ und sich regenerieren können, so wie auch wir Menschen nicht allein von Meditation und Gebet leben könnten. Dies scheint unseren Bauern einzuleuchten. Mittelfristig haben wir ein grösseres Projekt, von dem ich vielleicht in einem späteren Rundbrief ausführlicher schreiben werde. Wir konnten das Grundstück, von dem ich in einerm früheren Rundbrief geschrieben habe, auch tatsächlich kaufen. Es müssen noch einige juristische Hürden genommen werden, die allerdings nicht weiter problematisch sind, sondern einfach etwas Zeit beanspruchen, bis wir die letzte Zahlung machen können. Viele von Ihnen haben uns diese Anschaffung durch ihre grosszügige Spende ermöglicht. Tausend Dank, dies spornt uns an und verpflichtet uns. Wir träumen davon auf diesem Grundstück eine weitere Ausbildungsstufe in der Landwirtschaftsschulung anbieten zu können. Ein Hilfswerk hat uns langfristig Unterstützung für den Unterhalt der Erweiterung der Schule angeboten. Doch wir werden Finanzierung für die Infrastruktur gebrauchen. Spenden sind deshalb immer sehr willkommen. Ich verbleibe für heute mit den besten Grüssen der Verbundenheit Christoph Gempp OP Rundbrief aus Cahabón, Guatemala, 28.07.2006 Spenderkonto: Basellandschaftliche Kantonalbank, 4410 Liestal, zugunsten von: 16 3.217.355.85 769 GUATEMALA, HR. CHRISTOPH GEMPP, OBERER REBBERGWEG 92, 4153 REINACH, Konto: 40-44-0. |
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| Helen
Hagemann info@guatesol.ch |
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