Cahabón, 28. März 2006
Liebe Freundinnen und Freunde, Männer und Frauen,
eben noch lag ich in der Hängematte auf meiner Veranda. Es ist Nacht.
Unwahrscheinlich viele Tierchen spielen das Nachtkonzert. Ein Käfer
fliegt um meinen Kopf und fächert mir wie ein Ventilator kühle
Luft zu. Eine Fledermaus dreht ihre Runden. Es ist 20 Grad warm und ich habe
gerade 3 ruhigere Tage hinter mir. Mein Auto ist am Sonntagmorgen in Lanquin
geblieben – ca. 30 km von hier weg. Die Brücke wird repariert und die
Zufahrt nach Cahabón auf einem Umweg ist durch einen Erdrutsch versperrt.
Also habe ich endlich wieder einmal etwas Zeit um zu Schreiben und im Garten
zu Arbeiten.
Ich bin wieder da. Nach fast einem Monat krank, Internet, das nicht funktionierte
seit Dezember und viel Aufholarbeit nach der Krankheit und Planen für
2006.
Den 7. Rundbrief, den ich im Dezember schrieb, konnte ich wegen dem Internetabsturz
hier leider nicht verschicken. Und jetzt im März und schon fast Ostern
über Weihnachtsbräuche in Cahabón zu schreiben ist nicht
gerade sehr aktuell.
Hier hat vor kurzem die Trockenzeit = Sommer angefangen, mit einem guten
Monat Verspätung und schon ist sie wieder vorbei. Das Wetter spielt
verrückt. Es regnet viel, die Flüsse sind übervoll und viele
Erdrutsche versperren die Strassen. Aber das Klima ist angenehm, nicht so
feucht wie im „Winter = Regenzeit“ und auch nicht so heiss. Leben, ohne
dass einem das Wasser über den ganzen Körper rinnt, ist auch angenehm.
Tagsüber wird es bis zu 30 Grad warm und nachts kann es schon mal bis
auf 15 Grad abkühlen – das bedeutet dann Pyjama und 2 Decken zum Zudecken
– schön, sich einmal wieder in ein Bett kuscheln zu können nach
Monaten heissem Wetter und ein Bett am liebsten ohne Bettzeug.
Ich komme vom 21. April bis zum 6. Juni in die Schweiz. Vorträge
und Gottesdienste am 6. Mai in Spiez, Pfarrei Bruder Klaus, am 12. Mai in
Biel Sankt Marien, am 27./28. Mai in Arth. Ich hoffe, dass ich viele von
Euch treffen kann oder wenigstens telefonisch Kontakt habe.
Unterdessen haben wir um die 160 Familiengärten und viele neue Prozesse
sind in Gang gekommen. Den

Prozess, den wir in Chiacach mit der 7.-9. Klasse angefangen haben,
nimmt grössere Dimensionen an: ein grosser Familiengarten, eine diversifizierte
Parzelle, ein selbstgebauter Fischteich und für mich das Wichtigste
– sie haben gelernt in der Gruppe zu arbeiten und sehen viele Vorteile darin.
Als Nächstes werden sie mit Hühnern, etwas später mit Kaninchen
und mit Ziegen arbeiten lernen. So können sie ihre Schule mitfinanzieren.
Sie sind sehr lernbegierig. „ 2 Jungs aus Chiacach sind im Süden von
Guatemala, um

zu lernen, wie man aus Bambus Möbel herstellen kann. In Chaslau
sind 11 Frauen am Arbeiten. Mit Hilfe von 2 Frauen aus Purulhá lernen
sie Blusen mit wunderschönen Mustern Weben. In Chatela stellen die
Frauen hausgemachtes Hühnerfutter her und sind am Lernen, wie man Salben
mit Heilkräutern fabriziert. In Semox Chahal wird der erste Markt stattfinden.
In El Carmen haben die Frauen wunderschöne Gärten mit viel Kompost.
Sie arbeiten gut zusammen und werden ab Juli auch Kaninchen bekommen. Dafür
fahren sie nach Purulhá, um sich bei Q’eqchi’ Bauern und Bäuerinnen
ausbilden zu lassen. In Pinares ist eine Familie am Weben von Tischsets
in der Art, wie sie ihre Taschen Weben. In Chiakte haben 10 Familien einen
grossen Garten angelegt und möchten Gemüse anbauen zum Verkauf.
Leider funktioniert die Gruppe noch nicht so gut. In anderen Teilen
aber existieren jetzt Gruppen, die sehr gut zusammen arbeiten. Dies ist etwas
Neues für Cahabón. Die Menschen sind EinzelgängerInnen und
nicht gewohnt in Gruppen zu arbeiten. So stimmt es auch nicht. Gruppen- oder
Gemeinschafsarbeit ist üblich bei Zeremonien, Bräuchen und beim
Säen. Die Kommunikation zwischen den Menschen ist spärlich. Es
ist wie eine übertriebene Toleranz. Man lässt den andern
so leben, wie er lebt und leben möchte. Das bedeutet dann aber eben
auch, dass man nichts weitergibt, was man gelernt hat. Viel Neid und Missgunst
ist auch im Spiel. Ich habe einen Kalender für 2006 entworfen, der
an alle Familien der Schüler und Familien mit Gärten verteilt
wurde. Es ist ein wunderschöner Kalender mit Fotos aus den Gärten
und Parzellen – aber auch ein Lernkalender mit Text.
„Wir alle sind Bäuerinnen und Bauern. Davon
Leben wir.
Maria möchte ihre Tomate verkaufen und fragt Peter: warum kaufst
Du meine Tomaten nicht? Peter antwortet: Ach Maria, nur was von weit weg
kommt, ist gut!
Wann lernen wir endlich, das unsere zu schätzen.
Kauf von Deinem Nachbarn. So sparst Du Zeit und Geld, weil Du nicht mit
dem Bus nach Cahabón fahren musst. Dein Nachbar verdient mit seinen
Produkten und das Geld bleibt im Dorf.
Nur so kommen wir miteinander vorwärts.“
Nach dem im letzten Rundbrief angesprochen Ausflug nach Purulhá
mit 30 Frauen und Männern sind 6 Gruppen entstanden. Das war mein
Hauptanliegen. Gruppen entstehen zu lassen, weil sich die Frauen aus Cahabón
von den Frauen aus Purulhá überzeugen liessen. Die meisten arbeiten
gut zusammen auch wenn wir manchmal beratend eingreifen.
Im Juli werden wir eine Weiterbildung mit einem einheimischen Arzt haben,
der uns ausbildet und berät in Sachen Basismedizin. Welche Heilpflanzen
sollen wir am besten mit den Frauen in den Gärten anbauen, welche
Medizin mit Heilpflanzen herstellen. Wir kann man die wichtigsten Krankheiten
wie Durchfall, Fieber, Malaria, Husten, Hautkrankheiten, Augenentzündungen
und allgemeine Entzündungen mit Naturheilmitteln heilen oder
wenigstens lindern. Was ist wichtig, um die Krankheiten zu verhindern. Das
Wissen über Heilpflanzen bei den Menschen ist sehr gross. Und trotzdem
werden sie nicht angewendet. Warum??? Keine Ahnung. Manchmal ist es kaum
begreiflich, dass Kinder sterben müssen, nur weil sie Durchfall haben.
Menschen sterben an einem einfachen Schnitt mit dem Messer, weil sie nicht
desinfizieren und die Wunden nicht verbinden. Nach einem total entzündeten
Fuss in Semox Chahal, den ich mit Bethadin desinfiziert und mit Bepanthen
eine Nacht behandelt habe, kam die Frau am nächsten Tag fast ohne zu
hinken zur Versammlung. Ich beschloss, hier einmal zu probieren, ob es funktioniert,
wenn die Menschen Desinfektionsmaterial, eine Salbe und Pfästerli
zur Verfügung haben. Beim letzten Besuch haben wir die Frauen ausgebildet
darin, was wichtig ist und auch praktisch geübt, wie man desinfiziert
und verbindet. Ich bin gespannt, ob es etwas genützt hat. Sehr viele
Kinder hatten stark entzündete Kratzwunden am ganzen Körper.
Anfangs Juli werden wir die Gemeinschaft wieder besuchen und dort auch
für den ersten Markt mithelfen. Das Problem ist nämlich,
dass die Mitbewoh-ner keinen guten Preis für das Gemüse bezahlen
wollen. Also werden sie eine Dorfversammlung einbe-rufen und wir werden
gemeinsam versuchen, die Menschen von der Wichtigkeit zu überzeugen,
vonein-ander zu kaufen und die üblichen Preise zu bezahlen.
Viel Arbeit aber langsam sehen wir Resultate, die Freude machen.
Ich wünsche Euch Allen wunderschöne Ostern und ich hoffe Euch
bald in der Schweiz zu sehen oder doch wenigstens zu hören.
Liebe Grüsse aus dem warmen und frühlingshaften Cahabón.
Helen Hagemann
Danke für die eingegangenen Spenden. Leider habe ich auf das Postkonto
im Moment keinen Zugang und kann die Spenden nicht einzeln verdanken. 2
Frauen wurden mit Geld aus den Spenden geheilt, Manuela Caal aus Pinares
und Rosaria Cuz aus Chatela. Beide hatten monatelange Blutungen und waren
so geschwächt, dass sie kaum mehr gehen konnten. Jetzt arbeiten sie
wieder im Garten.
Allen die uns mit Gebeten, Gedanken und Spenden unterstützen von
hier aus herzlichen Dank. Es lohnt sich, hier Zeit und Geld zu investieren.
Die Menschen werden lernen und langsam aber sicher aus ihrem Teufelskreis
ausbrechen können.
Helen Hagemann
Spendenkonten – Obersimment. Volksbank,CH-
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