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1. Rundbrief vom 6. Mai 2003


Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Frauen und Männer,

Mein erster Rundbrief auf der neuen Homepage und mein erster Rundbrief, den ich vor meiner Abreise nach Guatemala verschicke. Noch sitze ich in Zweisimmen. Vorbereiten, Packen, der Garten sollte noch bearbeitet werden, Holz für den nächsten Winter anschleppen, Telefon erledigen, Adressen berichtigen, Post abbestellen. Für den Garten hat es leider nicht mehr gereicht, aber alle Blumen sind draussen – der Teich im Garten hat eine neue Folie erhalten. Was so 7 Monate verreisen alles nach sich zieht. Ich hoffe, ich habe alle Adressen. Es ist warm hier, immer noch 20 Grad und das anfangs Mai in Zweisimmen. Kaltes und schlechtes Wetter würde mir die Abreise wohl einiges erleichtern. Und trotzdem, ich freue mich riesig und bin gespannt, was mich so alles erwartet. Einiges wird wohl unerwartet auf mich zukommen. Anderes ist schon geplant. Ich werde wohl als erstes in das Kinderheim  für Kinder mit Behinderungen in Quetzaltenango reisen und mein im Januar gedrehtes Video mit den Kindern anschauen – vielleicht drehen wir auch noch etwas weiter. Sicher werden wir die Seite des Heims auf meiner Homepage zusammen mit der Leitung und den Kindern gestalten.

Meine Homepage – viel habe ich mir da vorgenommen. Vernetzen, Menschen ein Gesicht geben, den Gesichertern Namen und Menschen eine Stimme geben, informieren.....guatesol - das hat etwas mit Guatemala und Solidarität tu tun. Ich hoffe, ich komme auch genügend ans Netz, sodass ich Euch immer auf dem laufenden halten kann. Unter Kontakt findet ihr meine Adressen und könnt mir über das Kontaktformular schreiben, unter Aktuell ist mein jeweiliger Aufenthaltsort mit Tel.- oder Fax-Nummern zu sehen und unter Gästebuch könnt ihr etwas reinschreiben, das dann auch alle lesen können. Dazu gibt es viele Informationen über verschiedenste Projekte.

Die Weberinnengruppe Flor de Algodon und die Weberinnenkooperative Ixoquib aj Keem in Rabinal werde ich besuchen. Mit beiden Gruppen möchte ich je eine Seite gestalten im Internet mit ihrer Geschichte und auch einige ihrer gewobenen Produkte im Internet anbieten. Zuvor gilt es aber noch die Postpreise rauszufinden und eine ungefähre Zeit anzugeben, in der die bestellten Sachen ausgeliefert werden. So können alle von der Schweiz aus bestellen und in der Schweiz bezahlen.

Das Familiengartenprojekt in Purulhá, das wir von der Frauenkulturaustauschreise mitgebracht haben, wird finanziell von der Kommission für Entwicklung und Missionen der Gesamtkirchgemeinde Bern unterstützt. Die Frauen in den sechs Dörfern müssten mit ihren Gärten jetzt schon angefangen haben. Auch von diesem Projekt werde ich sporadisch auf der Homepage berichten.

Im Juni werde ich im Casa San Benito in Guatemala City ein Video drehen vom grossen Abschlussfest. Die Schwestern vom Casa San Benito bieten für etwa 1500 junge Hausangestellte 20 verschiedene Weiterbildungsmöglichkeiten an – und das alles am Wochenende. Das geht von Lesen und Schreiben lernen über Strick- und Musikkurse bis hin zu Computerkursen. Die jungen Hausangestellten organisieren das grosse Fest selber. Die verschiedenen Arbeiten übernehmen Komitees, die zuvor demokratisch gewählt wurden. Auch dies gehört zur Ausbildung. Die meisten der jungen Mädchen werden auf verschiedene Arten brutal ausgenützt. Die Schwestern versuchen mit Arbeitsverträgen, die in ihrem Haus und unter ihrer Aufsicht zwischen den Mädchen und den Arbeitgeberinnen geschlossen werden, die Mädchen zu schützen. Mädchen, die ihren Job verloren haben, oder wegen Belästigungen geflohen sind, können bis zu einem neuen Arbeitsort hier wohnen. Auch Stellen werden hier vermittelt.
Im Casa San Benito wohne ich übrigens immer, wenn ich in der Hauptstadt bin. Sie haben nämlich dort 15 Doppelzimmer, ein kleiner Hotelbetrieb, in dem nur Frauen übernachten.

Die meiste Zeit werde ich wohl in meinem Projekt in der Landwirtschaftsschule in Cahabón verbringen. Die Landwirtschaftsschule bildet 90 junge Männer zu Bauern und Promotoren aus. Forstlandwirtschaft, ohne Abbrennen der Felder, mit Erosionsschutz, biologisch und mit Mischkulturen auf den Feldern. Dazu kommen Kühe, Schweine, Hühner und Enten. Neben der Landwirtschaft schliessen die jungen Männer auch die Sekundarschule ab. Meine Arbeit wird es sein, einmal herauszufinden, was da an Gemüse überhaupt wächst – Tomaten, Rüebli, Salat, Kräuter? Die Ernährungssituation ist sehr schlecht. Die Menschen in vielen der 165 Dörfer, die zu der Gemeinde Cahabón gehören, haben Hunger und viele Menschen sind krank und schwach. Die Weltmarkt-Preise des Kaffees sind so tief, dass kaum jemand Kaffee erntet. Eine grosse Verdienstmöglichkeit entfällt dadurch. Auch der Preis des Kardamom, den viele Dörfer angebaut haben, ist von 7 Quetzal 2002 (ca. 1.40) auf 1 Quetzal 2003 (ca. -.20) zusammengefallen. Viel Arbeit und kaum Lohn. Ich werde Dörfer besuchen und zusammen mit den Frauen versuchen herauszufinden, was sie dringend brauchen oder sich wünschen. Familiengärten oder Gemeinschaftsgärten wäre eine Lösung, um die Ernährungssituation ein bisschen zu verbessern. Brot backen, Nahrungsmittel konservieren... Unter Frauenprojekt Cahabón habe ich das Projekt näher beschrieben.

Die paar Monate werden ausgefüllt sein mit spannender Arbeit. Ich freue mich auf die neue Herausforderung und hoffe, dass ich das Klima ertrage.
Im nächsten Rundbrief werde ich konkretes von meiner Arbeit berichten können.

Ich warte gespannt auf Eure Post und freue mich über jedes Lebenszeichen.
Ich wünsche Euch allen eine wunderschöne Zeit. Denkt ab und zu an mich.

Liebe Grüsse. Helen





2. Rundbrief vom 6. Juli 2003

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Frauen und Männer,

seit 3. Juni bin ich nun in Cahabón. Ich bin gut angekommen und es kommt mir vor, als sei ich schon lange Zeit hier. Das Wetter - eigentlich ist Regenzeit, aber im Moment regnet es seit Tagen nicht mehr – ganz im Gegensatz zur Hauptstadt, wo eine Auto-Unterführung eingestürzt ist und Überschwemmungen an der Tagesordnung sind. Hier Nebelverdorren die jungen Pflänzchen langsam oder der Samen keimt nicht, wenn nicht bewässert werden kann. Wir haben tagsüber zwischen 34 und 38 Grad, nachts zwischen 22 und 25 Grad. Und 22 Grad finde ich schon ganz schön kühl! Wie schnell sich doch der Körper umstellt. Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Ich sitze hier direkt vor dem Ventilator, um wenigstens während dem Schreiben "trocken" zu sein. Die Haut ist durch die grosse Feuchtigkeit meist feucht. Die Wäsche trocknet in der Sonne sehr schnell, aber wenn ich sie über nacht draussen hängen lasse, ist sie am morgen wieder nass. Jeden morgen ist dichter Nebel und wenn ich nach Cobán fahre, habe ich an vielen höher gelegenen Orten Sicht auf ein wunderschönes Nebelmeer.

Um 18.30 spätestens wird es hier dunkel. Dann fangen die verschiedenen „Konzerte“ an, die oft mit unterschiedlichen Orchestermitgliedern die ganze Nacht andauern, Frösche, Grillen, Hunde, heisere Hähne und viele andere Tierchen, die sich in der Nacht bemerkbar machen, dazu die Musik von den Schülern mit Gitarren und Marimbas oft bis nach 10 Uhr nachts, das Marimba-Orchester der Quartierkapelle gegenüber und ein modernes Orchester, das ganz in der Nähe oft probt. Morgens um 2 Uhr kommen die Hupen der abfahren Busse dazu. Und um ca. 4.30 Uhr morgens fangen Dutzende verschiedener Vögel an zu musizieren. Um 5.00 ist es schon hell. Und zwischendurch übertönt der Regen auf dem Blechdach fast alle anderen Geräusche.
Hier macht der Körper noch nicht ganz mit. Warm und dunkel bedeutet für meinen Körper so etwa 22 Uhr nachts. Das macht sich dadurch bemerkbar, dass ich um 19 Uhr schon bettreif bin und mich aufraffen muss, wenn ich noch arbeiten will. Dazu fällt oft das Licht abends aus und wir gehen um 19 oder 20 Uhr schlafen.

Seit meiner Ankunft bin ich fleissig am q'eqchi' lernen, der hiesigen Maya-Sprache, jeden Werktag eine Stunde Unterricht. Eine sehr schwierige alte Sprache. Aber immerhin bekomme ich schon einige einfache Sätze zusammen und verstehe einige Worte. (Aussprache: x = sch, ch = tsch, j=ch, w=kw, ' nicht beachten) "B'ar xatwulak chaq? Xinwulak chi loq'ok se' li tenamit. K'aru xatloq' chaq? Xinloq' chaq jun li xtib'el li wa".(Wo warst du? Ich war im Dorf einkaufen. Was hast du gekauft? Ich habe Essen gekauft.) Ich kann die Worte nirgends festmachen und brauche bei diversen Worten teils lustige Eselsbrücken, z.B. Kuh-Bank = k'uub'ank = kochen, organisieren oder Zwieback = tz'iib'ak = schreiben. Seltsam, aber so funktioniert es. Alle Verben sind 1 oder 2 silbig und enden mit k. Viele sind sich sehr ähnlich. Wie auch die Substantive: is = Süsskartoffel, ik = Chile, it = Hinterteil, u = Gesicht, e = Mund, a’ = Fuss, o = Avocado. Auch gibt es viele zusammengesetzte Substantive, wie zum Beispiel die Wörter für neue Sachen, kaxlan wa = Tortilla der Fremden = Brot, kaxlan mu = Schatten von fremden Personen = Fernseher. Ich hoffe, dass ich in 2-3 Wochen Dörfer besuchen kann und wenigstens einige Sätze mit den Frauen, die kaum spanisch reden, austauschen kann.

Aber nach meiner Ankunft hier habe ich erst einmal mein Zimmer gestrichen - melone und weiss. Das bedeutete Farbe kaufen, weiss und rot in Cobán, wir wollten nur das weiss brechen. Laut Verkäufer sollte ich die kleine Büchse rot in den grossen Kübel weiss leeren. Aber schon nach einer halben Büchse rot zeigte sich ein schrilles rosarot. Oh Schreck, also nach Cahabón nach gelber Farbe suchen, was gar nicht so einfach ist. Im vielleicht 10. Laden habe ich dann eine Büchse der gelben Farbe gefunden. Fast mit der ganzen Büchse gelb war das rosarot zu retten und ergab eine schöne Honigmelonen-Farbe. Danach habe ich mich eingerichtet. Bilder und Fotos aufgehängt, das Bett in der richtigen Ecke platziert, abgeschirmt gegen neugierige Blicke mit einem Tuch, Scanner, Drucker und Laptop installiert und die Bücher eingeordnet. Jetzt gefälltmein Zimmer mein Zimmer  und schon bald werden wir auch den ganzen Tag Wasser haben mit Hilfe eines Tanks. Das Wasser kommt hier meist 3 mal am Tag für etwa 30 Minuten mit Glück; das erstemal um ca. 4 Uhr morgens, dann vielleicht um 11 Uhr und mit etwas Glück nochmals um 20 oder 21 Uhr. Das bedeutet Kübel füllen, Waschtröge füllen, Pfannen füllen, sobald das Wasser kommt. Der Strom, das ist eine andere Sache. Seit ein spanisches Unternehmen die Stromversorgung gekauft hat, klappt nicht mehr viel. Fast jeden Tag haben wir Stromausfall, wie auch jetzt wieder, knapp 14 Uhr. (Ich arbeite noch mit der Batterie des Laptops weiter). Dann funktioniert kein Telefon, keine Wasserpumpe des Dorfes, kein Kühlschrank...... Manchmal für einige Stunden, manchmal für 1-3 Tage. Das ist ein Problem auch für die wenige Industrie, die hier in er Nähe angesiedelt ist und für die vielen Restaurants.

Hier in der Landwirtschaftsschule unterrichten 3 Lehrer praktische Landwirtschaft, 5 Lehrer die üblichen Fächer der Sekundarschule und Andrea Hess (aus Uzwil, ist für 9 Monate hier) Schreibmaschinen-Schreiben. Halbtags arbeiten die Schüler auf dem Feld oder verpflegen die Hühner, Schweine und Kühe. Den anderen Halbtag drücken die Jungen die Schulbank, Rechnen, Spanisch, Q’eqchi’, Buchhaltung, Schreibmaschine, Sport, Gestalten, Geschichte, Maya-Kultur, Landwirtschaft je nach Klasse. Morgens um 5 stehen alle auf, dann ist Putzen angesagt – 90 Schüler machen auch viel Dreck – Schlafsäle, Wege, Essräume, Schulräume... Danach gibt’s Frühstück. Ab 7.30 Schule oder Feldarbeit bis um 11 Uhr. Um 13 Uhr Mittagessen, ab 14 Uhr wieder Schule oder Feldarbeit bis 17 Uhr. Ca. 18.30 Essen, danach Gebet in der Kapelle, Aufgaben bis 22 Uhr und ab ins Bett. Es ist schon bald wieder 5 Uhr früh. Am Samstag arbeiten die Schüler auf dem Feld. Am Sonntag ist frei. Jeder Schüler bezahlt ca. 60 Sfr Schulgeld pro Jahr. Die Feldarbeit ist einerseits ihr Beitrag zur Verpflegung der Schüler, andererseits lernen sie das meiste über die ökologische angepasste Landwirtschaft direkt auf dem Feld. Jeder Schüler hat neben der allgemeinen Arbeit auf den Feldern eine eigene Parzelle, auf der er nach Plan anbaut und ausprobieren kann.

Ich habe mit den Landwirtschaftslehrern die ganzen Felder und Anpflanzungen angeschaut und viel diskutiert. Jetzt habe ich hinter dem Gästehaus einen Versuchsgarten angefangen. Zuerst wurde der Boden mit einer Maschine ......... unterdessen ist es 21 Uhr abends – meine Batterie des Laptop war bald am Ende – und jetzt ist endlich wieder Licht.....und es regnet seit ca. 2 Stunden, welch ein Segen...... bearbeitet, bzw. gelockert. Auf diesem Stück Boden wurde noch nichts angepflanzt, das heisst, der Boden wurde noch nie bearbeitet. Als nächstes haben die Schüler Schubkarrenweise Kompost auf dem Stück Land verteilt und einen grossen Sack eigenen Kuhmist-Kompost und einen grossen Sack Hühnermist-Kompost hingestellt. Nun war ich an der Reihe. Gartenbeete vorbereiten. Mit der Hacke den schon wieder harten Boden aufbrechen und von Hand mit dem auf dem Boden verteilten Kompost mischen. Wird die Erde trocken, ist sie hart wie Stein, wird sie nass, kann man mit ihr Figuren kneten. Es ist harte Arbeit und bald einmal kam mir die Bibelstelle in den Sinn: Gen 3,18..“Dornen und Disteln werden auf deinem Acker wachsen. Dein Leben lang wirst du hart arbeiten. Viel Mühe und Schweiss wird es dich kosten.“ Schon beim Streichen des Zimmers tropfte mein Schweiss in den Farbeimer. Jetzt auf dem Feld läuft der Schweiss in Bächen an mir herunter. Gegen Abend setzen sich die Falter auf mich und schlürfen das Salzwasser. Das scheint ihnen zu schmecken – mich kitzelt es. Ist das Gartenbeet einigermassen aufgelockert, sähe ich in Rillen und gebe zu jeder Saat eine Mischung aus 3 Teile Kuhmist-Kompost, 1 Teil Hühnermistkompost und 10 Teile schwarze Erde dazu. Die harte Arbeit lohnt sich bis jetzt. Einiges zeigt sich schon, obwohl ich erst vor 8 Tagen angefangen habe. Den Stangenbohnen scheint das Klima bis jetzt sehr gut zu gefallen und auch die Kefen, die Kohlrabi, der Kressig, die Kürbisse, Honigmelonen und Zucchetti spriessen fleissig. Vorgestern habe ich Tomaten gesät. Jetzt warte ich gespannt. Vor etwa 10 Tagen habe ich Kartoffeln an den Hang vor dem Haus gesetzt. Bis jetzt fehlte jeder Regen und zum Bewässern ein Schlauch. Ich bin gespannt, ob hier Kartoffeln wachsen. Mal schauen, ob der Regen hilft. Allerdings ist im Moment die falsche Zeit für Tomaten, Kürbisse, Kartoffeln...... denn der grosse Regen fängt jetzt an – oder sollte anfangen. Aber zum ausprobieren, was überhaupt wächst hier an Neuem, sollte es reichen. Wenn es zuviel regnet, werden wir vieles mit Palmblättern überdachen. Hier ist jetzt die Zeit für die Aussaat des Mais und der schwarzen Bohnen.

Zu meinen Füssen sitzt Meitli, eine 6-monatige Schäferhündin ohne jegliche Erziehung, wie ihr gleichaltriger Bruder Halunk. Ich soll sie erziehen und an das Haus gewöhnen. Meist ist noch Rambo bei ihnen, ein etwa gleichaltriger hellbrauner Mischling. Dann geht es hoch hin und her. Um 5 Uhr morgens wecken mich die drei und wollen Fressen und Spielen. Dann heisst es Schuhe und anderes retten. Aber sie sind intelligent und werden schnell lernen!! hoffe ich. Und sie sind sehr anhänglich. Sie sollen uns hier auch bewachen. Ich möchte sie aber nicht anbinden, sondern schauen, dass sie freiwillig hier bleiben.

Es ist bald 22 Uhr und es regnet weiter in Strömen. Morgen früh um 5 werde ich nach Cobán fahren, um die Homepage aktualisieren und den Rundbrief wegzuschicken. Bei diesem Wetter wohl 4 Stunden Fahrt. Dann Einkaufen, Metall laden für Silobau, Bank, Samen und Setzlinge zusammen mit einem der Landwirtschaftslehrer kaufen und wieder zurück nach Cahabón. Es wird ein langer Tag werden.

Hier vergeht eine Woche genau so schnell wie in der Schweiz - seltsam, wo doch sonst alles so langsam geht.

Ich hoffe, dass es Euch allen gut geht und dass ich bald einmal von Euch höre.

Viele liebe Grüsse an alle. Helen Hagemann

Auf der Startseite kommt ihr mit den Knopf (schwarz/weisses Frauengesicht) zu wunderschönen Frauengesichtern.


3. Rundbrief vom 10. Oktober 2003

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Frauen und Männer,

seit letzten Freitag bin ich hier im Casa San Benito in der Hauptstadt, um die Formulierung meines Projekt anzupassen, Guatemala-Reisen zum Ausschreiben vorzubereiten, einen Antrag um Unterstützung zu schreiben, einen neuen Rundbrief zu schreiben und das alles auf meine Homepage zu laden und die Rundbriefe per Mail zu verschicken. In Cahabón komme ich einfach nicht dazu. Ihr habt recht gelesen, ich habe mich entschlossen, länger hier zu bleiben. Aber davon später. Am Samstag war ich kurz in San Salvador. Ich muss mit meinem Pass alle drei Monate ausreisen. Eigentlich wollte ich 1 oder 2 Tage ans Meer, aber das Wetter war so schlecht, dass ich nach 3 Stunden wieder zurückgefahren bin. Das bedeutete 11 Stunden Bus fahren. Eigentlich gar nicht so schlimm, ich habe mich daran gewöhnt. Die Wege hier sind einfach lang - nicht kilometermässig aber zeitmässig.

Am Sonntag fing ich den Rundbrief an zu schreiben - aber nach einem Satz musste ich ein wenig raus. Also lief ich Richtung Parque Central - den Hauptplatz im Zentrum, vor der Kathedrale und dem Präsidentenpalast. Er ist nur 6 Strassenblocks von hier entfernt. Es war still, als ich aus dem Haus kam, die Strassen fast menschenleer, auf den Hauptverkehrsachsen der Busse 2 und 4 Blocks weiter, waren kaum Busse zu sehen. Kein Gestank, kein Lärm und gute Luft. Es ist eben Sonntag. Hinter der Nationalbibliothek, ein Block vor dem Parque Central, fanden sich schon viel mehr Menschen und vor allem, und ich hatte das Gefühl, bei jedem Schritt den Regler der Lautstärke etwas höher zu drehen. Als erstes nahm ich klar jazzige Töne war, fand aber die Musik nicht. Es muss aber ein Kandidat für die Bürgermeisterwahlen gewesen sein (am 9. November sind Wahlen) - denn gestern sah ich den Herrn lächelnd in der Strasse, Daumen nach oben, mit dem Kopf begeistern allen zunickend, begleitet von Herren, die so etwas wie Jazz spielten. Es tönte haargenau gleich wie am Sonntag. Ich wunderte ich mich, wie lange ein Mensch diese anstrengende Maske von strahlendem Lächeln aufrecht erhalten kann! Irgendwann, wenn es vielleicht niemand sieht, macht es pfffff - und die Luft, bzw. das Lächeln entschwindet, ein leeres Gesicht bleibt zurück.

Etwas weiter, anfangs Platz sitzen die Zeitungsverkäufer und es gibt einige kleine Küchenrestaurants, die jeden Tag da sind und recht viele auf den Bus wartende Menschen. Doch dann gehts los. Mit jedem Schritt kommt ein neues Geräusch dazu. Ein Sektenprediger, ein paar Meter daneben preist ein Mann etwas mit Lautsprecher einer Traube von Menschen an. Gleich daneben die nächste "Kirche". Die haben sehr gute Musik und eine Indigena in Tracht singt mit Tränen in den Augen und mit Gospelstimme ihre Bitten an Gott. Ein paar Meter daneben der erste Wahlbus mit Lautsprechern und recht angenehmer Musik, nicht zu laut (UNE). Gegenüber der nächste Wahlbus, mit schriller, lauter Musik (GANA). Junge Mädchen mit der Parteifahne und in Uniform tanzen zu der Musik. Ein Obdachloser hat sich eine der Fahnen organisiert und tanzt begeistert mit.

Etwas weiter die erste Wahrsagerin, mit einer grossen Schlange, der Kreis der umstehenden Leute ist noch offen. In den nächsten Kreis kann ich vor lauter Leuten nicht mehr hineinschauen. Es scheint ein Heiler zu sein, der verspricht, den zu heilen, der im Kreis steht und zum Beispiel Krebs hat, oder die Ehe der Frau zu kitten, die im Kreis steht und deren Mann gestern nacht abgehauen ist.

In weiteren Kreisen, die nur aus Männern bestehen, werden Potenzmittel angepriesen und daneben immer wieder ein Prediger, der mit Megaphon oder mit Radiolautsprechern zu mehr oder weniger Leuten predigt. Meist mit lauter, schimpfender Stimme, den Leuten die Hölle oder den allmächtigen Gott androht und ihnen ihre vielen Sünden vorhält.
Jetzt kommen die zwei laufenden, grossen Spring-Brunnen ins Gesichtsfeld. Die Tauben, die sonst den Platz bevölkern wie in Venedig, haben am Sonntag keine Ruhe. Man kann überall Taubenfutter kaufen. Aber die vielen Kinder haben ihren Spass daran, den Vögeln nachzuspringen und sie zum Fliegen zu bringen.

Auf der linken Seite stehen wie fast jeden Sonntag etwa 60 Marktstände, die vor allem Trachtenkleider verkaufen. Wunderschön farbige bestickte Blusen und Schürzen. Gegen die Mitte des Platzes stehen einige Rösser, Ponys, Fohlen und ein Schaf - natürlich aus Holz. Mit einer Leiter steigt ein schon älterer Herr sehr vorsichtig auf eines der Rösser, wie wenn er Angst hätte, dass es gleich davon galoppiert. Der Photograph wird von ihm ein Foto schiessen, wenn er oben ist. Als Hintergrund für ihn dienst einer der Springbrunnen. Es gibt aber auch viele andere, auf Karton aufgemalte Hintergründe für die Fotos. Ein Wasserfall, eine Blumenwiese mit Vögeln, ein Wald mit einem echten kleinen Springbrunnen davor, der immer wieder mit einem Generator angestellt wird. Auch das pferdebraune Holz-Schaf wartet geduldig auf Kundschaft.

Zwischen all den Kulissen und Rössern ein Mann, der Naturheilkräuter verkauft. Schön dargeboten sind die Heilkräuter und Rinden in ca. 30 cm grossen Säckchen auf einem Grünen grossen Tuch präsentiert.

Gegen den Präsidentenpalast zwei grosse improvisierte Zelte mit Menschen, die gegen etwas demonstrieren. Etwas weiter gegen die Kathedrale stehen unzählige kleine Restaurants mit mehr oder weniger Tischen. Hier wird direkt vor den Kunden gekocht. Auf den Steinbänken lassen sich Herren ihre Cowboystiefel oder schwarzen Schuhe blank putzen. Saubere, spiegelglänzende Schuhe sind wie ein Statussymbol.

Die Steinbänke sind voll von Menschen, Frauen, Männer, Kinder, Alte und Junge, viele als Familien unterwegs, die etwas ausruhen, etwas essen oder etwas verkaufen wollen. Weiter drüben ziehen zwei Clowns viele Leute an. Sie bringen mit ihren Spässen die Menschen zum lachen. Auf dieser Seite sind heute kaum Prediger oder Kirchen anzutreffen. Und zwischen all den vielen Dingen flanieren Hunderte Indigena Hausmädchen in ihren Trachten zu zweit oder zu dritt, manchmal auch mit einem Freund über den Platz voller Leben und geniessen ihre kurze Freiheit.

Familien mit Kindern, Ladinos, Indigenas, alles vermischt sich hier am Sonntag. Nur die reichen, schönen fehlen. Aber denen wäre es wohl auf diesem Platz, der vor lauter Leben fast platzt, sowieso nicht wohl.

Obwohl die Sonne scheint, ist der Himmel gleich daneben knallschwarz. Vor einiger Zeit hat es auch gedonnert und es weht ein Wind wie kurz vor einem Gewitter. Doch es zieht irgendwo anders weiter, hier bleibt es trocken und auch der Wind legt sich wieder. Es ist ein Kommen und Gehen, Kaufen, Gesehen werden, Flanieren, Staunen, Fotografiert werden auf einem der Rösser, Essen, Trinken. Dazwischen immer wieder die Glöckchen der Glaceverkäufer, die kleinen Stände mit Öfen der Maiskolberverkäuferinnen und Bauchladenverkäufer. Eine Mutter kommt mir entgegen mit ihren zwei Söhnen, die in Tracht und vielleicht etwa 150 cm gross, die Jungs modern angezogen und sicher 170 cm gross, die sich rührend um ihre Mutter kümmern.

Langsam gehe ich zurück. Drehe mich noch einmal um, um das Leben einzusaugen und gehe langsam nach hause. Der Lautstärkenregler dreht sich wie von selbst wieder zurück, bis er fast bei total Stille angekommen ist und ich wieder in Haus hineingehe.

Jetzt mag ich wieder weiter arbeiten. Also ich habe mich entschieden, länger in Cahabón zu bleiben. Mein Gemüsegarten hat rechte Fortschritte gemacht. Allerdings ist nicht alles gekommen, was ich damals gesetzt habe. Den Stangenbohnen habe ich wohl Frauenprojekt zuwenig Wasser gegeben, sie sind früh verdorrt und hatten dadurch nur wenige Bohnen, und auch die Kefen, die ja auch bei uns nicht einfach zu pflanzen sind, haben mich nicht befriedigt. Die Buschbohnen, Kohlrabi, Kressig, Rüebli, Peperoni, Knoblauch, Peterli, Krautstiele, das Basilikum und die Sonnenblumen wachsen gut. Kürbisse, Honigmelonen und Zucchetti sind seltsamerweise einfach vertrocknet, nachdem sie zuerst schön gewachsen sind. Halt nein - ein paar wenige Melonen haben kleine Früchte, schauen ob sie reifen. Tomaten kann ich auch schon bald ernten und Salat! Den Kartoffeln hat sicher das Wasser gefehlt. Leider hat es nicht viel geregnet, sondern viel zu wenig. Aber ich bin sehr zufrieden mit den Resultaten in so kurzer Zeit. Schliesslich wächst hier laut Aussagen nichts. Es braucht aber noch längere Zeit um herauszufinden, was wo wann am besten wächst. Schatten, Sonne, Halbschatten - viel Wasser - wenig Wasser? Aber immerhin, es wächst. Im Projektbeschrieb steht noch etwas mehr und sind vor allem Fotos mehr Fotos zu sehen.

Mein q'eqchi' hat einige Fortschritte gemacht. Es bleibt aber schwierig. Immerhin verstehe ich jetzt schon ab und zu ganze Sätze. Aber die Sprachlogik habe ich noch nicht ganz begriffen. Und wenn ich nachfrage warum so und nicht anders, ist die Antwort oft: "Es ist einfach so, ich weiss auch nicht warum." Eine Grammatik gibt es ja erst seit ca. 10 Jahren und sie ist ständig am weiterentwickeln, genauso wie die Schreibweise der Wörter.

Seit etwa 4 Wochen gehe ich mit 2 Q'eqchi' Frauen von UNICAM, einer Cahaboner Institution in die Dörfer. Sie haben in 30 der 160 Dörfern schon organisierte Frauengruppen und arbeiten mit ihnen vor allem politisch. Menschen- und Frauenrechte, die eigenen Rechte in den Dörfern, Stärkung des Selbstbewusstseins, Teilnahme in den Leitungsstrukturen der Aldeas... man merkt klar, in welchen Aldeas die Frauen organisiert sind. Ich konnte mich und meine Ideen in den besuchten Dörfern jeweils vorstellen und schauen, wie die Frauen reagieren. Und ich habe gemerkt, dass sie sehr interessiert sind, etwas zu lernen. Aber auf eine begleitete Weise, so wie ich es angeboten habe. Ich glaube, wir werden eng zusammenarbeiten, sie schulen im politischen Teil und ich im Handwerklichen - Familiengärten, Brot und Kuchen backen, nähen, Häkeln. Ich glaube, ich kann hier wirklich etwas arbeiten und den Menschen weitergeben, das den Menschen hier nützt und ihr Lebensstandard etwas anhebt - wenigstens soweit, dass es keinen Hunger mehr gibt.

Von der Schule habe ich den Auftrag, mit den Müttern der Schüler zu arbeiten. Es sind dieselben Themen - Familiengärten, Brot, Hygiene und die Mütter sollten wissen, was ihr Söhne so lernen in der Landwirtschaftsschule. Eine deutsche Institution wird wahrscheinlich die Kosten für ein Schlafzimmer/Büro, Wohn/Küchenraum und eine überdeckte Veranda übernehmen. Die Küche/Wohnraum dient auch als Versuchsküche und als Kursraum für kleinere Gruppe. Auch ein Auto und eine Dolmetscherin/Begleiterin wird bezahlt und ein kleiner Zustupf an meine Lebenskosten in Guatemala. Aber es wird nicht reichen zum Leben, vor allem, wenn ich die Q'eqchi' Stunden selber bezahlen muss.

Das Projekt mit den Familiengärten in Purulhá, das die Gesamtkirchgemeinde Bern bezahlt hat, macht riesige Fortschritte. Jedes der 6 Dörfer hat eine grosse Demo-Parzelle angelegt, wo alle gemeinsam arbeiten und lernen, wie sie das Gemüse biologisch anbauen, biologisch Schädlinge bekämpfen und organischen Dünger herstellen. Jede der Frauen hat schon ihren eigenen Familiengarten in Nähe des Hauses angelegt. Die meisten Parzellen sind in Terrassenform und so weit herum sichtbar. Anfangs November werden uns Frauen aus Purulhá in Cahabón 2 Tage besuchen. Sie wohnen zwar 170 km weit weg, sprechen aber auch q'eqchi'. Wir werden zuerst 2 Dörfer hier besuchen und am 2. Tag werden 30 Vertreterinnen der hiesigen Frauengruppen zu einem Austausch in die Schule kommen. Danach werden wir gemeinsam die Schule besichtigen.

Meitli und Halunk, das junge Schäferhundpäärchen vermisse ich hier. Sie sind etwas folgsamer geworden und fressen schon nicht mehr soviel Schuhe. Rambo, der hellbraune Mischling ist verschwunden. Und ich hatte Glück. Meitli ist mir ins Auto gelaufen und konnte nicht mehr laufen. Aber zum Glück war es nur eine sehr starke Prellung - Tierärzte gibt es hier nicht - so haben wir Antibiotika gespritzt und gehofft und gewartet, dass es besser wird. Unterdessen rennt sie wieder und vor allem, sie spielt wieder mit Halunk, der sich in der Zeit sehr verlassen fühlte. Etwa 4 Wochen lang, liess sie ihn nicht in ihre Nähe.

Und nun heisst es für mich, anfangen zu betteln und auf Geldsuche zu gehen. Dass ich Geld finde, das ist eine der Voraussetzungen, dass ich hier bleiben kann. Für meinen Lebensunterhalt und für kleinere Projekte. Darum werde ich halt ab jetzt immer meine Kontonummer auf jedem Rundbrief angeben, mit der Bitte, ab und zu doch an mich zu denken. Ich habe mich auch entschlossen, Guatemala-Reisen anzubieten, um etwas zu meinem Lebensunterhalt beitragen zu können. 3 Reisen habe ich bis jetzt ausgearbeitet. Die erste Reise ab 16. Dezember - allerdings nur etwas für Schnellentschlossene - Anmeldefrist ist der 10. November. Weihnachten in Cahabón und Neujahr in Tikal, mitten im Regenwald. Die zweite Reise ab 2. April mit Karwoche und Ostern in verschiedenen Orten, in denen die Traditionen noch stark gelebt werden. Die dritte Reise ab 3. Juli mit Schwerpunkt Mayareligion. Ich wäre sehr froh, wenn Ihr für die Reisen Reklame machen könntet. So könnte ich wenigsten einen Teil meiner fixen Kosten auf gute Art verdienen.

Am 30. November werde ich in die Schweiz fliegen, um alles für eine längere Abwesenheit zu regeln. Im nächsten März dann wieder nach Guatemala zurück. Vielleicht klappt es ja auch mit der Reise vom 16. Dezember bis 6. Januar 2004. Dann wäre ich natürlich weg. Aber sonst hoffe ich, dass ich doch einige von Euch sehen oder zumindest hören werden.

Ich hoffe, dass es Euch allen gut geht und vielleicht bis in der Schweiz. Oder wer weiss, vielleicht auf einer der Guatemala-Reisen.

Viele liebe Grüsse an alle. Helen Hagemann
Spendenkonten – Obersimment. Volksbank,CH- 3770 Zweisimmen Kto: 16 2.010.739.00 6327 /mein PC-Konto: 49-8882-5



4. Rundbrief vom 10. April 2004


Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Frauen und Männer,

ich bin hier gut angekommen in Guatemala und voll bei der Arbeit. Nach fast 3 Wochen kühl und eher regnerisch - kühl bedeutet hier zwischen 17 Grad nachts (mit Pyjama) und etwa 28-30 Grad, wenn die Sonne scheint - hat der Sommer mit 4 Wochen Verspätung mit grosser Hitze Einzug gehalten. Pyjama ade und bis 40 Grad im Schatten. Regnen wird es wohl kaum mehr bis im Juni oder nur selten. Jetzt ist die Zeit, in der hier Melonen, Gurken, Tomaten und Kürbisse gepflanzt werden, weil diese eher trockenes Wetter bevorzugen. Die Maisernte hat angefangen.

Es ist Karfreitag um die Mittagszeit. Ich sitze im Büro unter einem grossen Ventilator. Die ganze Woche schon gibt es hier in Cahabón Prozessionen. Gestern nacht verliess eine Prozession die Kirche um ca. 21.00 Richtung Friedhof. Zuvorderst einige "Würdenträger" - Cofraden - in violett gekleidet, Ratschen, einige wenige Trommeln und eine Pauke. Frauen mit Kerzen und dann das Hauptbild: Jesus im Ölberg, betend, getragen von vielleicht 24 Männern, begleitet von weiteren 100 Männern alle in denselben violetten Kleidern. Gut anderthalb Stunden werden sie bis zum Friedhof unterwegs sein in einem sehr langsamen Schritt. Die Träger der Bildes werden immer wieder gewechselt. Das Bild ist beleuchtet mit 4 Lampen, die durch einen mitgetragenen, leisen Generator gespeist werden. Dahinter wird eine Statue des Petrus getragen, die Schlüssel in der Hand aber neben sich auch einen grossen Hahn. Durch ein Megaphon tönt Karfreitagsmusik und immer wieder Gesang. Musik ab mitgetragenem Radio, bzw. Kassette, der Gesang life. Viele Menschen laufen mit oder warten am Wegrand auf die Prozession.
Angekommen auf dem Friedhof wird Jesus abgestellt zum beten und schon bald erscheinen die Römer, um Jesus gefangen zu nehmen und jetzt geht der ganze Zug im Eiltempo wieder zurück zur Kirche, Pauke voran und die Römer mit dem "gefangenen" Jesus Bild. So um Mitternacht kamen sie in die Kirche zurück.
Das Dorf ist voller Menschen. Wo die wohl alle schlafen?

Heute Karfreitag ist fast der ganze Tag Prozessionen und Messe gewidmet.Die erste Prozession beginnt um 8 Uhr morgens. Um 15 Uhr ist eine grosse Messe und um 18 Uhr die grosse Karfreitagsprozession bis weit nach Mitternacht.

Meine Arbeit mit den Frauen und den Familiengärten ist in vollem Gang. 2 Q'eqchi' Frauen arbeiten zu 100% mit mir. Im Moment bereiten wir die Kurse vor und fangen an, die vielen Samen zu säen, die ich aus der Schweiz mitgenommen habe. Am 21. April erwarten wir viele Mütter der Schüler, die zu einer ersten Orientierung hier in die Schule kommen und lernen, was es so alles braucht, um Gemüse anzupflanzen und wie man Kompost macht. Am 28. April erwarten wir je 2 Vertreterinnen aus 7 Weilern, die dasselbe lernen werden. Danach werden wir jede Mutter und die Weiler besuchen, um mit ihnen je den besten Ort für den Gemüsegarten auszusuchen und mit ihnen weiter arbeiten. Ab nächster Woche besuchen wir fast jeden Tag Frauengruppen in einem anderen Dorf, um das Interesse zu wecken. Ich bin gespannt, wie die Frauen reagieren und ob sie wirklich die grosse Arbeit auf sich nehmen, einen Garten anzulegen. Ein Garten verlangt hier einiges mehr an Arbeit, als in der Schweiz, schon nur bis der Boden vorbereitet ist. Aber bis jetzt zeigen die Frauen sehr viel Interesse und möchten am liebsten schon heute anfange. Aber zuerst muss leider der Kompost reifen, ohne Kompost wächst hier nichts, der Boden bearbeitet und ein Zaun errichtet werden. Sonst hätten wohl mehr die Hühner und Schweinchen ihre Freude am Gemüse als die Frauen.

Bald werde ich mehr zu schreiben haben. Bitte vergesst nicht, meine Mail-Adresse zu ändern: [email protected]

Liebe heisse Grüsse. Helen
Übrigens wir haben hier eine neue Telefon-Nummer, die langsam bezahlbar ist und auch viel besser funktioniert:
00502 983 18 55.
Spendenkonten – Obersimment. Volksbank,CH- 3770 Zweisimmen Kto: 16 2.010.739.00 6327 /mein PC-Konto: 49-8882-5



5. Rundbrief von anfangs September 2004

Cahabón, anfangs September 2004

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Frauen und Männer,

wieder habe ich keine Zeit, persönliche Briefe zu verschicken, deshalb der Rundbrief. Es tut mir sehr leid, ich habe mir das etwas anders vorgestellt. Aber die Zeit ist ausgefüllt mit Besuchen in den Dörfern und wenn ich einmal Zeit hätte, ist sicher wieder einmal der Strom weg oder ich bin einfach zu müde. Auf der Homepage sind noch Fotos zum Rundbrief und weitere Informationen und Fotos unter dem Frauenprojekt zu finden.

...es ist mitten im August, der Boden pflotschig nass. Ich habe meine Wanderschuhe an, meine 2 Promotorinnen wie immer ihre Plastiksandalen. Wir sind in Belén auf dem Weg zur Familie Xó-Pop, die im Mai angefangen hat, einen Gemüsegarten anzulegen. Vom „Parkplatz“ mitten im dichten Wald geht es zuerst einen kurzen Steilhang hinunter, dann kommt die Überquerung des Flüsschens. In trockenem Zustand schon etwas schwierig, aber jetzt, mit den Schuhsohlen voll Pflotsch ist die Überquerung auf 5 langen Bambusstangen ohne Geländer eine ziemlich glitschige Sache. Doch wir schaffen es und der Weg dem Fluss entlang ist eben und sehr schön gelegen, mitten im Wald.

Ich habe ein mulmiges Gefühl im Bauch. Ob wohl etwas gekeimt ist. Bei unsrem letzten Besuch, war noch sehr wenig zu sehen und die Menschen etwas enttäuscht. Nach etwa 10 Minuten kommen wir auf einen offen Platz – Schulgebäude, Tschuttiplatz, Kuhweide – auf der anderen Seite wieder steil und rutschig hinauf zu den Häusern.
Mitten im Steilhang bemerke ich einen neuen, grossen umzäunten und gesäuberten Platz. Der Mann, der am Arbeiten ist, spricht uns an; er möchte gerne von uns Koriander- und anderen Samen kaufen, weil er auch einen Gemüsegarten anlegen möchte. Aha denke ich zuerst einmal, es scheint also etwas zu wachsen im Gemüsegarten der Familie Xó-Pop. Da mein q’eqchi’ noch lange nicht ausreicht, diskutieren Irma und Magda, die 2 Promotorinnen lange mit ihm und seinem erwachsenen Sohn und erklären ihnen, dass das viel Arbeit ist und zuerst einmal gelernt sein will. Wir laden sie zu unserem nächsten Anfängerkurs im Oktober ein, damit er und seine Frau den Gemüseanbau von Anfang an lernen können. Dann werden wir ihnen auch Samen verkaufen und helfen, wenn etwas nicht so ganz gut läuft.

Mitten in der Diskussion sehe ich Don Onofre Xó strahlend an der Hausecke des ersten Hauses stehen. Mir wird immer wohler im kribbeligen Bauch und meine Neugier wächst. Endlich können wir uns losreissen, begrüssen den strahlenden Don Onofre und gehen an vier Häusern vorbei zu seinem Haus, wo uns schon die ganze Familie erwartet. Doña Luisa Pop, der 2. älteste Sohn, die ältere Tochter, 3 mittlere Kinder und ein Bébé. Mario der älteste Sohn geht bei uns in die Landwirtschaftsschule. Da wir sehr schmutzige Schuhe haben, mache ich den Vorschlag, zuerst einmal den Garten zu besichtigen. Und jetzt sehe ich, warum Don Onofre so gestrahlt hat: die Bohnen sind bereit zur Ernte, genau so wie die Gurken, die Radiesli sind schon fast alle gegessen. Vieles ist gekeimt und gut am Wachsen: Rüebli, Sesam, Mangold, Randen, Weisskohl, Zwiebeln, Pak Choi (Kohlblätter). Daneben wachsen Süsskartoffeln, Tomaten und einheimisches Gewürz.

Tochter von Luisa in BelenWir gehen zu den wunderschön gewachsenen Gurken, die mit Hilfe eines Gerüsts nach oben wachsen und entdecken 4 grosse, reife Gurken. Und jetzt kommt die bange Frage: Was isst man von den Gurken, die Blätter, die Wurzeln oder die grünen Dinger? Schnell schneiden wir eine grosse Gurke ab und Irma verschwindet in der Küche mit der älteren Tochter. Unterdessen sitzen wir im Wohn-, Schlafraum und die ganze Familie ausser der Tochter mit uns und wartet mit fragenden und bangen Blicken. Ob das Zeugs wohl essbar ist? Irma kommt zurück mit dem Gurkensalat: die geschnittenen Gurken mit Zitronensaft und Salz. Sie bietet es erst dem Vater an, dann den Kindern, dann dem älteren Sohn, dann der Mutter – doch oh Schreck, niemand will probieren. Da greife ich zu, auch Irma und Magda und das scheint den Bann zu brechen. Zuerst knabbert der ältere Sohn Mario sehr vorsichtig an einem Gurkenrädchen, dann die Kinder, der Vater, das Bébé und plötzlich stürzen sich alle auf den Salat, der im Nu ausgegessen ist. Allen scheint es gehr gut zu schmecken, nur die Mutter getraut sich nicht, obwohl sie dem Bébé davon zu essen gibt. Nach vielen Sprüchen und Gelächter meint sie, dass sie wohl nachts mit der Taschenlampe eine Gurke holen und ganz allein probieren wird. Alle sind sehr zufrieden.

Und jetzt erst haben wir Zeit für das traditionelle Willkommensgetränk, einer Tasse Kakao und danach kommt das unumgängliche Essen. Die traditionelle Hühnersuppe mit sehr wenig einheimischen Gewürz und diesmal – eine grosse Ausnahme – mit Yucca zubereitet. Nach dem Essen lassen wir weiteren Samen da, teilweise zum Nachsäen, aber auch neue Arten und geben weitere Ratschläge. Auch informieren wir Don Onofre über unser Gespräch mit seinem Nachbarn.

Und dann kommt eine weitere Überraschung. Don Onofre hat sehr wohl bemerkt, dass seine rote Erde im Gemüsegarten nicht sehr fruchtbar ist und er wenig Kompost gemacht hat. Also hat er nach Lösungen gesucht. Er führt uns etwa 50m steil und rutschig den Berghang runter mitten durch seine Kaffeebäume und da sehen wir den neuen Gemüsegarten: vier sicher 10m lange Gar-tenbeete mit schwarzer, fruchtbarer Erde und eben. Diese fruchtbare Erde hat sich in vielen Jahren unter den Kaffeebäu-men gebildet - runtergefallene Blätter, abgeschnittene Äste und entkernte Kaffeekirschen haben dieses kleine Wunder bewirkt. Mein kribbeliges Gefühl im Bauch hat sich langsam in mühsam zurückgehaltene Freudentränen verwandelt.

Hier die Vorgeschichte, als ein Beispiel von vielen, wie die obige Erzählung: Nach einer 1-stündigen Fahrt haben wir das Auto nahe von einigen Gräbern parkiert um die Mutter und den Vater des Schülers Mario Xó Pop zu besuchen. Am 21. April besuchte die Mutter Luisa Pop in der Schule einen ersten Kurs über Gemüseanbau – BodenbesLuisa in Belen chaffung, Bodenbearbeitung, Bodentierchen, biologischen Dünger, Kompost Herstellung... Am 5. Mai waren wir zum erstenmal zu Besuch bei Doña Luisa Pop. Damals bestätigten wir der Familie den ausgesuchten Platz für ihren Familiengarten und gaben noch einige Ratschläge – Verbesserung der Umzäunung, Bearbeitung des Bodens, Anlegen eines Kompostes und Ausheben eines Grabens oberhalb der Pflanzung, der Regenwasser um den Garten herumleiten soll. Der Platz war gut ausgesucht, etwas Schatten von zwei Bäumen und direkt hinter dem Haus, allerdings etwas steil gelegen und wenig fruchtbare Erde. Beim zweiten Besuch am 25. Juni kontrollierten wir erst mal die gemachten Arbeiten, dann bereiteten wir einen Fungizid – Dünger zu. Etwa 1 Kilo Blätter eines bestimmten Baumes (Madre de Cacao) werden fein gemahlen, mit 250gr Kalk und ca. 3 Liter Wasser vermischt und in Plastikbehälter abgefüllt. Unverdünnt wirkt dieses Mittel sehr schnell gegen Pilzkrankheiten und verdünnt ist es ein sehr guter Dünger. Danach ging es in den Garten, wo wir anhand eines Blattes mit Zeichnungen genau erklärten und zeigten, wie die verschiedenen Samen gesät werden müssen. (Die Menschen hier können nicht lesen und sprechen auch kein spanisch – oder kaum spanisch.) Abstand der Samen und der Reihen, Tiefe der Sa-men.... Einige wenige Arten säten wir, danach jagte uns der Regen ins Haus.

Die Wettergöttin spielte für unseren Anfang nicht so ganz mit. Ab 25. Juni fingen wir mit den Frauen an zu säen – und genau dann fingen 2 mal 9 Tage Regen ohne Sonnenschein an, mit einer kurzen Unterbrechung. Kaum etwas keimte in dieser Zeit. Obwohl wir den Frauen rieten mit dem Säen zu warten, bis die Sonne wieder kommt, hatten sie wohl keine grosse Geduld. Die meisten säten im grossen Regen. Danach kam eine 3-wöchige Trockenzeit ohne jeden Regentropfen (und das in der Regenzeit!). In dieser Zeit keimte noch weniger. Die Sonne ist sehr heiss. In 1-2 Stunden Sonnenschein trocknet die obere Bodenschicht bis zu 4 cm tief vollständig aus, wenn nicht beschattet wird. Die Frauen müssen lernen, direkt nach der Saat zu wässern und die Saat mit trockenen Bananen- oder anderen Blättern vor der Sonne und dem Aus-trocknen des Bodens zu schützen, bis die Pflänzchen sichtbar werden. Aber auch danach müssen die Pflanzen noch vor zuviel Sonne geschützt werden, bis sie sich selber etwas Schatten machen.

Und wir haben noch Glück mit dem Regen und der Trockenheit. In vielen Gegenden Guatemalas ist der Regen ganz ausgeblieben und der Mais und auch die Bohnen sind vertrocknet. Keine Ernte - das heisst Hungern und Kinder und alte Menschen, die an Unterernährung sterben. Sogar in der eher konservativen Zeitung Prensa Libre steht am Schluss des Artikels über die Dürre: "Das Landwirtschaftsministerium bemerkt, dass die Dürre vor allem in den Gegenden schlimm war, in denen am meisten abgeholzt wurde." Und das Abholzen geht munter weiter - Export von Edelhölzern scheint immer noch ein gutes Geschäft zu sein und des weiteren werden Wälder abgebrannt um Kuhfarmen anzulegen, die Fleisch für den Export produzieren. Und das vor allem in Naturschutzgebieten. Die Regierung hat oder will kein Geld haben, um diesen illegalen Abholzungen Einhalt zu gebieten.

Bei unserem dritten Besuch bei der Familie Luisa Ical– Onofre Xó am 26. Juli war dementsprechend wenig zu sehen. Ausser den Gurken und den Bohnen war kaum etwas gekeimt und dementsprechend waren die Menschen enttäuscht. Beim zweiten Anlauf klappte es dann schon viel besser, wie oben zu Lesen ist..

Unterdessen betreuen wir 94 Familiengärten in 16 verschiedenen Weilern/Comunidades, 22 mit Müttern von Schülern und 72 von Frauen-Gruppen in 5 Comunidades. Die Arbeit mit den Gruppen ist um vieles schwieriger. Oft sind die Frauen nicht an den „Weiterbildungen“ in ihrem Dorf dabei oder sind nicht zuhause, wenn wir sie angekündigt besuchen wollen. Trotzdem sind auch hier schon einige Fortschritte zu verzeichnen.
In 2 Gärten haben wir – entgegen aller Erwartungen - schon wunderschöne Weisskohlköpfchen und die Randen entwi-ckeln sich bis jetzt sehr gut. Das sind zwei Gemüsearten, die sich alle wünschen. Im grössten Gemüsegarten - rund 400 m2, 1000 MüM – wachsen Randen, Weisskohl, Rüebli, Bohnen und Radiesli in grösseren Mengen und vieles andere in kleineren Mengen. Doña Josefina arbeitet sehr hart dafür. Sie wohnen sehr weit weg – 1 Stunde zu Fuss bis zur Strasse und von da 3-4 Stunden bis zu der Strasse, an der regelmässiger Lastwagen als Transportmittel fahren. Ihr Mann arbeitet sehr gut mit, ist allerdings Alkoholiker und verschwindet etwa einmal pro Monat für 1-2 Wochen.

Aus vielen verschiedenen Gärten möchte ich gerne noch berichten, zum Beispiel von Doña Manuela in Pinares, sie war wohl die erste, die Gurken und Tomaten verkauft hat und ihre Kohlköpfe sind am weitesten fortgeschritten. Sie und ihre Töchter haben tagelang schwarze, fruchtbare Erde mit Plastikschüsseln von weit weg angeschleppt, um neben dem Haus einen Gemüsegarten anlegen zu können. Ihr Mann hat kaum geholfen, da er nicht an einen Erfolg glaubte. Jetzt allerdings ist er voll dabei und Doña Manuela strahlt. Allerdings arbeitet auch sie hart für ihren Garten – Kompost, Fungizid/Dünger, giessen, jäten, anhäufeln, wieder neue Erde suchen, Erde mit Kompost mischen, säen.... und das neben ihrer Hausarbeit mit ihren 8 Kindern, die noch zuhause sind. Kein Strom, keine Waschmaschine, Erdboden, Schilfrohrwände und viele Tiere ums Haus machen sehr viel Arbeit.
Ich selber habe immer noch Angst, dass etwas Unvorgesehenes passiert und der so sehr gewünschte Kohl, die Randen und alles andere nicht weiter wächst, nicht funktioniert und die Menschen sehr enttäuscht sein werden!

SPENDEN: Leider kann ich Eure Spenden immer noch nicht verdanken, da der Zugang zum Postportal nicht klappt und ich so die gemachten Spenden nicht sehen kann.

BETTELBRIEF: Wir sind schon dabei, mit den Frauen die neuen Gemüse zu kochen. Dabei fehlt es allerdings an einigem: Schnitzer und gute Messer, unverbeulte Pfannen und für die Gärten brächten wir entweder Schläuche zum Bewässern oder Giesskannen. Die Menschen giessen heute mit der Hand aus einem grösseren Plastikbehälter oder mit Plastikflaschen mit Löchern im Boden. Beides ist nicht sehr effizient, weil zuwenig Wasser gegeben wird und so die Wurzeln kein Wasser bekommen. Für die Gartenarbeit habe ich hier eine Hand-Gartenhacke nachmachen lassen, die etwa 3 Franken kostet. Für viele Familien nicht erschwinglich. Ich möchte allen Frauen, die gut arbeiten, diese wenigen Dinge beschaffen können. Und ich möchte mit den Frauen die gut arbeiten nächstes Jahr einen Ausflug nach Tikal (eine der wichtigsten Maya-Ausgrabungen aus der alten Zeit) machen können. Dazu kommen immer wieder Kinder, die sterben und denen ich keine Medikamente kaufen kann. Dafür möchte ich gerne einen Fond anlegen können. Und es gibt so vieles mehr.

Im Moment sitze ich im Casa San Benito in Guatemala Stadt, da ich in Cahabón einfach nicht zum schreiben und zum aktualisieren der Homepage komme. Ich hoffe, ich schaffe das alles in dieser Woche. In Cahabón ist Dorffest, da arbeitet niemand und es ist auch kaum jemand zuhause anzutreffen. Deshalb habe ich diese Gelegenheit beim Schopf gepackt.

Ich grüsse Euch alle ganz herzlich aus dem ewigen Frühling/Sommer. Helen

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6. Rundbrief von anfangs August 2005

Cahabón, August 2005

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Frauen und Männer.

Fango ist gesund und erst noch teuer! so sagte ich mir, als ich bis zu den Knien im Schlamm stand und mit den Händen unter den 2 im Schlamm stecken gebliebenen Rädern ebendiesen versuchte zu entfernen. Es fühlte sich sehr fein, seidig und angenehm an. Nach einer guten Stunde, vielem entfernten Schlamm, vielen unterlegten Steinen, Baumstämmchen zum kanalisieren der Räder, feinem Geäst unter den Rädern und Stosshilfe von vorne durch vier Promotorinnen und einem Pro-motor gelang uns die Befreiung beim dritten Versuch. Allerdings unter einigen Opfern. Dolores verlor durch die Wucht der Befreiung das Gleichgewicht und setzte sich mit einigem Schrecken mitten in den „Sumpf“. Und Isabel blieb mit den Füs-sen so tief im Schlamm stecken, dass Franzisko sie an der Hand herausziehen musste. Zum Glück war ein Flüsschen direkt neben der „Unglücksstelle“ und so konnten wir Dolores baden und ihren Corte (traditioneller Jupe von 5 Metern Stoff), ihre Bluse und ihr Haar waschen. Natürlich säuberten wir uns alle so gut wie möglich und für Dolores liehen wir einen Corte im nächsten Dorf aus. Aber stolz waren wir eigentlich schon, dass wir ohne Hilfe von vielen Männern unsere „Ret-tung“ geschafft hatten. Zum Glück war es das erste Mal, dass ich so stecken blieb, trotz Vierrad und Geländegang.

KInder aus Semox Den 115 Gemüsegärten geht es nach einer längeren, ungewöhnlich langen Trockenzeit sehr gut. Laut einer Zusammenstel-lung aus unseren Kontrollblättern ernteten die Frauen im April/Mai durchschnittlich zehn verschiedene Gemüsesorten trotz der Trockenheit. Jetzt sind alle Frauen wieder am Säen. Im Moment haben wir um die 40 verschiedenen Gemüsesamen, die wir teils verteilen, teils verkaufen. Wir verteilen vor allem Samen von einheimischen Gemüse und Früchten, die langsam am Aussterben sind oder deren Verwendung zum Essen nicht bekannt ist. Hier eine Übersicht über unsere Samen:

EINHEIMISCHE GEMÜSEARTEN UND FRÜCHTE (diese Samen verteilen wir meist gratis)Romelia Chiacach
*Amarant, *Cebollin (Schnittlauch ähnlich), *verschiedene Chiles, *einheimisches Basilikum, *Gewürz-Pfefferminz, *Gurke einheimische, *Inwger, *Koriander, *Gelbwurz (neu), *Macuy (Blattgemüse), *einheimische Mostaza (Blattgemü-se), *Portulak, *Samat (Gewürz), *Tomaten einheimische, *einheimische Maracuya, *Tabak, *Guanaba, *einheimische Baumwolle, *Luwa (junge Luwa sind essbar)
EINGEFÜHRTE GEMÜSEARTEN, deren Samen wir verkaufen und die hier gedeihen.
*Auberginen, Kohlrabi, *Blattkohlrabi, Blumenkohl (säen im Oktober und Raquelita Chiacach ernten im Januar), Bodenkohlrabi, *Buschbohnen, Chabis, *Gurken, *Knoblauch, Lauch (neu), Mangold, *Mostaza Honduras (Blattgemüse), *Mungobohnen, *Pak Choi, *Radiesli, Randen,*Rüebli, Schnittsellerie, *Sesam, *Wassermelonen, Zwiebeln (in höher gelegenen Aldeas bis jetzt).
*Diese Arten produzieren hier Samen.

Wir ihr sehen könnt, haben wir sogar Rüeblisamen hier und wenn die Leute einmal einen Chabis auswachsen lassen, wird der bestimmt auch Samen produzieren. Aber hier sind wir noch stark am Kämpfen. Eigentlich ist es auch zuviel verlangt, dass die FrauenPetrona Semox Chahal zum ersten Mal ihren geliebten Chabis ernten können und dann auch noch stehen lassen sollen, damit er Samen macht. Ich vergesse immer wieder, dass wir ja erst am Anfang stehen, die ersten Erfolge kaum ein Jahr alt sind. Die ersten grossen Kohlköpfe, Rüebli, Randen, Bodenkohlrabi usw. ernten wir erst seit letztem Oktober. Aber jetzt sind wir sicher, dass das Gemüse gut wächst und auch die Promotorinnen entwickeln mehr Sicherheit in ihrem Auftreten, weil sie viele Gärten mit wunderschönem Gemüse kennen.
Dazu kommt, dass die Menschen die Gemüse auch sehr gerne Essen und die Frauen anfangen, mit den neuen Sorten zu experimentieren. Sie essen nicht nur die Früchte, sondern auch die Blätter von Radiesli, Randen, Bodenkohlrabi oder Rü-ebli und nachdem sie den Blumenkohl sorgfältig geerntet haben, ernten sie einige Tage später auch die stehen gelassen Blätter. Ich lerne hier ganz neue Rezepte kennen. Z.B. Radieslisalat: die Radiesli waschen und feine Würfeli schneiden, die Blätter der Radiesli waschen und fein schneiden, dazu Zwiebeln, frischen Blattkoriander, etwas Zitrone und Salz. Schmeckt hervorragend. Oder ein heisses Getränk aus Amarant-Samen: Die Samen mit etwas Wasser fein mixen, Wasser in einer Pfanne erhitzen, den gemixten Samen unter rühren und weiterrühren. Wenn das Getränk etwas dickflüssiger wird, etwas Zucker und Zimt dazu geben und heiss trinken. Das nennt sich hier Atol – ist sehr nahrhaft. Natürlich wird der Samen hier mit der Handmühle gemahlen.

Wir haben uns zum Ziel gesetzt, dass bis Ende Jahr die Frauen in allen Gärten die verschiedenen einheimischen Gemüsear-ten einmal gesät und probiert haben. Danach sollen sie selber auslesen, was sieManuela Pinares weiter anpflanzen möchten. Nicht alle wer-den alles gerne essen. Dazu kommt, dass wir bis Ende Jahr mehr verschiedene Gemüse in ein Gartenbeet säen möchten und die Frauen lehren, dass sie in Stufen (z.B. jede Woche 5 Chabis) säen und nach dem Ernten sofort wieder säen. So werden sie das ganze Jahr über immer etwas zum ernten haben. Allerdings haben wir auch vor, dass die Gartenbeete jedes Jahr in der Trockenzeit 2 Monate ruhen sollten. Mit Mulch bedeckt soll sich die Erde vom Wässern und Bearbeiten erholen können.

In Chiacach haben wir ein Experiment mit 19 SchülerInnen aus dem 7.-9. Schuljahr angefangen. Sie konnten das Schulgeld nicht auftreiben. Und so haben wir einen Vertrag geschlossen. Ich habe ihnen das Schulgeld bezahlt, dafür werden sie ge-meinsam einen grossen Garten und eine diversifizierte Parzelle mit Maniok, Taro, Bananen, Ananas, Amarant, Sesam... nach den Kriterien der Schule anlegen, mit Erosions-, Bodenschutz Alcira Secala und Kompost. Sie werden nebst der Praxis im Garten und Kochschule auch einiges in der Theorie über Pflanzen, Boden und Dünger lernen. In Chiacach gibt es übrigens schon 7 Familiengärten.

Im August werden wir mit ca. 15 Frauen wieder einen Besuch in Purulhá abstatten. Schon einmal im letzten Jahr besuchten wir diese Q’eqchi’-Frauen, die auch Gemüse anbauen. Jetzt haben sie sich in einer Gruppe formiert, um sich gemeinsam weiterzubilden und das Gemüse zu verkaufen. Gruppenbildung ist meines Erachtens sehr wichtig. Gemeinsames Arbeiten, zum Beispiel beim Organisieren eines kleinen Marktes mit ihren Produkten in der Comunidad, Austausch von Erfahrungen im Garten und gemeinsames Ausprobieren von neuen Rezepten sind Ziele, die wir mit diesen Frauen in ihren Dörfern er-reichen möchten.

Ein weiteres Anliegen, das wir gerne verwirklichen möchten ist das Feiern der Mayazeremonie Mayejak für die Gemüse-gärten. Dabei geht es darum, den Tzuultaq’a – den Geist/Besitzer des Berges/Tales um Erlaubnis zu bitten, die Erde bear-beiten zu dürfen und auch darum seinen Schutz und gutes Gelingen zu erbitten. Mayejak wird vor Diese Zeremonien wer-den traditionell vor jedem Säen des Mais durchgeführt.
Ein grosses Problem nicht nur für die Gärten sind im Moment die Blattschneiderameisen. Die Menschen dringen immer weiter in die Wälder vor um Wohnplatz zu finden und so kommen diese Tierchen auch immer näher zu den Menschen. Die Blattschneiderameisen gehören dem Tzuultaq’a und dürfen nicht getötet werden. Dazu spielen sie eine wichtige Rolle im Mythos der Erschaffung des Mais. An vielen Orten haben die Menschen aus Verzweiflung mit Gift versucht, die Tierchen zu vertreiben. Aber dies gelingt kaum mehr. Eher werden die Menschen davon krank. Alejandro, einer der Promotoren kennt eine Zeremonie, mit der die Blattschneiderameisen veranlasst wurden, aus ihrer „Tronera“ wegzuziehen. Wir werden sobald wie möglich mit der ganzen Equipe – unterdessen 7 Promotoren, 4 Promotorinnen, 1 Koordinatorin, Arnulfo und ich – in Chiakte diese Zeremonie mit Ältesten durchführen. Es wäre den Menschen und den Tierchen wirklich zu wünschen, dass die Tierchen sich danach jeweils ein neues Heim suchen, etwas tiefer in den Wäldern. Blattschneiderameisen gehören zum Leben in dieser Region und es wird auch extra etwas mehr Mais gesät, damit sie sich auch ernähren können. Aber statt die Bäume kahl zu fressen oder etwas vom Mais auf den Feldern, kommen sie nun in die Häuser und holen sich den schon geernteten Mais, der sowieso schon knapp ist. Und das Gemüse, vor allem Chabis lieben sie heiss.

Im Moment haben wir viele Weiterbildungen. Teils nur mit den Promotorinnen, aber auch zusammen mitWeiterbildung im Büro den Promotoren. Einerseits haben wir eine fast neue Equipe – 4 der Promotoren arbeiten seit Februar, 2 Promotorinnen arbeiten seit 1 Monat und die Koordinatorin wird im August anfangen zu arbeiten. Themen wie Selbstbewusstsein, wie arbeiten wir mit den Menschen, was ist unser Haupt-Ziel, Schlüsselworte unserer Arbeit wie nachhaltig – ökologisch..., Pünktlichkeit, Verant-wortung in der Arbeit, Zusammenarbeit, Arbeit in der Gruppe, Familiengärten, diversifizierte Parzellen und Parzellen mit Mais und Düngerbohnen, Ernährung, Heilpflanzen und ihr Gebrauch, Herstellung von Tinkturen und Salben mit Heilpflan-zen, Pflanzen, Pflanzenfamilien, verschiedene Böden und ihre PH-Werte....... und vieles steht noch auf unserer Liste der Weiterbildung.
Unterdessen unterstützen unsere Arbeit auch die Pfarreien Spiez und Arth mit Beiträgen, mit denen ich den Lohn von 2 Promotorinnen bezahlen kann.

EINE GROSSE BITTE: In letzter Zeit finden wir immer mehr Frauen in den Dörfern mit schwerwiegenden Frauenkrank-heiten. Monatelange Blutungen bringen sie bis an den Rand der Erschöpfung. Die traditionellen Heiler scheinen hier keine Methode zu haben, um den Frauen zu helfen. Und auch das Gesundheitszentrum in Cahabón kann in keiner Weise helfen. Sie müssen nach Cobán in ein Spital zur einer Röntgenuntersuchung und danach entweder Tabletten schlucken oder operie-ren. Aber niemand hat das Geld für so etwas. Vielleicht könnt ihr da etwas helfen.

Allen die uns mit Gebeten, Gedanken und Spenden unterstützen von hier aus herzlichen Dank. Es lohnt sich, hier Zeit und Geld zu investieren. Die Menschen werden lernen und langsam aber sicher aus ihrem Teufelskreis ausbrechen können.

Helen Hagemann

Fotos: 2 Kinder von Doña Petrona in Semox Chahal essen frische Gurken, Doña Romelia mit Mangold in Chiacach, Chabis im Garten von Doña Raquelita in Chiacach, Doña Petrona mit Bodenkohlrabi in Semox Chahal, Chabis und Blumenkohl im Garten von Doña Manuela in Pinares, Wassermelone im Garten von Doña Alcira in Secalá, Doña Romelia aus Santo Domingo mit Rüebli, Promotorinnen und Promotoren in unserem Büro bei einer Weiterbildung


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Rundbrief im Advent 2005

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Frauen und Männer.

Mein erster Advent in Cahabón

Mein gekaufter Weihnachtsstern auf der Veranda erinnert mich ab und zu an Advent in der Schweiz. Im Januar werde ich ihn wohl in meinen Garten setzen.

Advent fängt hier am 30. November an. Mit einer Novene bis zum 8. Dezember – Maria Empfängnis. Neun scheint eine wichtige Zahl zu sein. 9 Dorfteile mit je ihrer eigenen Kirche/Kapelle, Cofradía/Bruderschaft und ihrem Heiligen.

In dieser Novene organisiert jeder Dorfteil eine „Recordadera“ – hat etwas mit „sich erinnern“ zu tun. In der Nacht fangen die Menschen sich an zu versammeln Sie tragen Hörner, Stiefel und einen weissen Umhang. Die ganze Nacht laufen sie in einem lockeren Umzug durch das ganze Dorf, tragen eine „Virgencita“ (eine kleine Marienstatue) mit und machen viel Lärm mit Trommeln, Chirimia (einer Art Flöte) und Kuhhörnern. In der Küche der Kapelle bereiten unterdessen die Frauen hunderte von Anis-Tamales vor. Gekochter und gemahlener Mais wird mit Anis vermischt, zu länglichen „Kugeln“ geformt, in Bananenblätter gewickelt und im Wasser gekocht. Um vier Uhr morgens treffen sich alle wieder bei der Kapelle. Jede und jeder bekommt einen Tamal und danach formt sich eine Prozession zur Hauptkirche, wieder mit der Marienstatue und allen Instrumenten. Dort endet die Nacht mit einem Gottesdienst. Bis zu achthundert Menschen sind so jede Nacht unterwegs.

teufel verbrennenDerselbe Dorfteil organisiert dann für den Abend den Brauch des „Teufels verbrennen“. Je nachdem wie viel Geld sie von den Bewohnern zusammen bringen, werden 1-3 Teufel verbrannt. Die Teufel sind in rote Gewänder und Masken gekleidet. Der grösste Teufel trägt ein Gestell um sich, auf dem lauter Kracher und Heuler, die untereinander verbunden sind,  angebracht sind. Etwa um 5 Uhr abends fangen sie auf einem Platz an zu tanzen. Eine Marimba und eine Trommel begleitet sie. Langsam gehen sie Richtung Kirche. Auf jedem freien Platz führen sie ihren Tanz auf. Zwischen 6 und 7 Uhr kommen sie dann auf dem Platz vor der Kirche an. Viele Menschen haben sich schon versammelt. Sie tanzen ihren letzten Tanz und dann wird die Lunte des ersten Krachers angezündet. Unter riesigem Geheul und Pfeifen der Menschen tanzt der Teufel weiter, bis der letzte Kracher verpufft ist.

 

Am 7. Dezember kommt der „Rey Fiero“ der wilde König als neue Gestalt dazu. Den ganzen Tag tanzt er zusammen mit vielen andern Masken verschiedene Tänze. In der Nacht dann DAS Ereignis. Die Menschen versammeln sich um den Rey Fiero und dieser trägt nun in eher lustiger Form – am ehesten mit einem Schnitzelbank vergleichbar – all die „Fehler“ vor, die während des Jahres passiert sind. Institutionen, Gemeinde und Personen kommen gleichermassen zum Zug. Einer der Höhepunkte im gesellschaftlichen Leben in dieser Zeit. Der Advent fordert so die Menschen mit der Recordadera und dem Rey Fiero zum nachdenken darüber auf, was über das ganze Jahr geschehen ist.                    

Am 8. Dezember dann die grosse Prozession mit der Statue der „Maria Empfängnis“ durch das Dorf mit allen Würdenträgern der Cofradías und dem anschliessenden Festgottesdienst.

Am 16. Dezember fängt die nächste Novene an. Diesmal in kleinerem Kreis. 9 Familien tun sich zusammen für die Posadas/Herberge. Aus diesen 9 Familien wird ein kleiner Chor gebildet und die Reihenfolge der Besuche wird ausgemacht. Jeden Abend besuchen der Chor und die Familien die für diesen Tag ausgesuchte Familie. Die ausgesuchte Familie bereitet eine Krippe und Essen vor. Der Chor singt Weihnachtslieder und alle Essen etwas. Vorbereitung auf Weihnachten.

Am Weihnachtsabend wird dann noch anschliessend die Mitternachtsmesse besucht. Den Weihnachtstag selbst verbringen die meisten in den Familien.  

Etwas total Neues hier in Cahabón sind die Lichterketten für die Häuser und Bäume, die auch bei uns verkauft werden. Hier oft noch mit Weihnachtsmusik verbunden. Künstliche Weihnachtsbäume finden grossem Anklang und gefallen den Menschen hier.

Gestern habe ich zum ersten Mal das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ im Radio auf Q’eqchi’ gehört. Weihnachtsmusik gibt es aber schon seit Ende November.  

Am 15. Dezember fahre ich ans Meer um mich ein bisschen auszuruhen. Den Familiengärten geht es gut trotz sehr vielem Regen seit Juli dieses Jahres.

Ich wünsche Euch allen einen besinnlichen Advent und wunderschöne Weihnachtstage. Einen ruhigen Rutsch ins neue Jahr.

Liebe Grüsse.    Helen




7. Rundbrief vom März 2006


Cahabón, 28. März 2006

Liebe Freundinnen und Freunde, Männer und Frauen,

eben noch lag ich in der Hängematte auf meiner Veranda. Es ist Nacht. Unwahrscheinlich viele Tierchen spielen das Nachtkonzert. Ein Käfer fliegt um meinen Kopf und fächert mir wie ein Ventilator kühle Luft zu. Eine Fledermaus dreht ihre Runden. Es ist 20 Grad warm und ich habe gerade 3 ruhigere Tage hinter mir. Mein Auto ist am Sonntagmorgen in Lanquin geblieben – ca. 30 km von hier weg. Die Brücke wird repariert und die Zufahrt nach Cahabón auf einem Umweg ist durch einen Erdrutsch versperrt. Also habe ich endlich wieder einmal etwas Zeit um zu Schreiben und im Garten zu Arbeiten.

Ich bin wieder da. Nach fast einem Monat krank, Internet, das nicht funktionierte seit Dezember und viel Aufholarbeit nach der Krankheit und Planen für 2006.

Den 7. Rundbrief, den ich im Dezember schrieb, konnte ich wegen dem Internetabsturz hier leider nicht verschicken. Und jetzt im März und schon fast Ostern über Weihnachtsbräuche in Cahabón zu schreiben ist nicht gerade sehr aktuell.

Hier hat vor kurzem die Trockenzeit = Sommer angefangen, mit einem guten Monat Verspätung und schon ist sie wieder vorbei. Das Wetter spielt verrückt. Es regnet viel, die Flüsse sind übervoll und viele Erdrutsche versperren die Strassen. Aber das Klima ist angenehm, nicht so feucht wie im „Winter = Regenzeit“ und auch nicht so heiss. Leben, ohne dass einem das Wasser über den ganzen Körper rinnt, ist auch angenehm. Tagsüber wird es bis zu 30 Grad warm und nachts kann es schon mal bis auf 15 Grad abkühlen – das bedeutet dann Pyjama und 2 Decken zum Zudecken – schön, sich einmal wieder in ein Bett kuscheln zu können nach Monaten heissem Wetter und ein Bett am liebsten ohne Bettzeug.

Ich komme vom 21. April bis zum 6. Juni in die Schweiz. Vorträge und Gottesdienste am 6. Mai in Spiez, Pfarrei Bruder Klaus, am 12. Mai in Biel Sankt Marien, am 27./28. Mai in Arth. Ich hoffe, dass ich viele von Euch treffen kann oder wenigstens telefonisch Kontakt habe.

Unterdessen haben wir um die 160 Familiengärten und viele neue Prozesse sind in Gang gekommen. DenFishteich in Chiacach Prozess, den wir in Chiacach mit der 7.-9. Klasse angefangen haben, nimmt grössere Dimensionen an: ein grosser Familiengarten, eine diversifizierte Parzelle, ein selbstgebauter Fischteich und für mich das Wichtigste – sie haben gelernt in der Gruppe zu arbeiten und sehen viele Vorteile darin. Als Nächstes werden sie mit Hühnern, etwas später mit Kaninchen und mit Ziegen arbeiten lernen. So können sie ihre Schule mitfinanzieren. Sie sind sehr lernbegierig. „ 2 Jungs aus Chiacach sind im Süden von Guatemala, um Chaslau Weben zu lernen, wie man aus Bambus Möbel herstellen kann. In Chaslau sind 11 Frauen am Arbeiten. Mit Hilfe von 2 Frauen aus Purulhá lernen sie Blusen mit wunderschönen Mustern Weben. In Chatela stellen die Frauen hausgemachtes Hühnerfutter her und sind am Lernen, wie man Salben mit Heilkräutern fabriziert. In Semox Chahal wird der erste Markt stattfinden. In El Carmen haben die Frauen wunderschöne Gärten mit viel Kompost. Sie arbeiten gut zusammen und werden ab Juli auch Kaninchen bekommen. Dafür fahren sie nach Purulhá, um sich bei Q’eqchi’ Bauern und Bäuerinnen ausbilden zu lassen. In Pinares ist eine Familie am Weben von Tischsets in der Art, wie sie ihre Taschen Weben. In Chiakte haben 10 Familien einen grossen Garten angelegt und möchten Gemüse anbauen zum Verkauf. Leider funktioniert die Gruppe noch nicht so gut. In anderen Teilen aber existieren jetzt Gruppen, die sehr gut zusammen arbeiten. Dies ist etwas Neues für Cahabón. Die Menschen sind EinzelgängerInnen und nicht gewohnt in Gruppen zu arbeiten. So stimmt es auch nicht. Gruppen- oder Gemeinschafsarbeit ist üblich bei Zeremonien, Bräuchen und beim Säen. Die Kommunikation zwischen den Menschen ist spärlich. Es ist wie eine übertriebene Toleranz. Man lässt den andern so leben, wie er lebt und leben möchte. Das bedeutet dann aber eben auch, dass man nichts weitergibt, was man gelernt hat. Viel Neid und Missgunst ist auch im Spiel. Ich habe einen Kalender für 2006 entworfen, der an alle Familien der Schüler und Familien mit Gärten verteilt wurde. Es ist ein wunderschöner Kalender mit Fotos aus den Gärten und Parzellen – aber auch ein Lernkalender mit Text.
Kalender 2006
Wir alle sind Bäuerinnen und Bauern. Davon Leben wir.

Maria möchte ihre Tomate verkaufen und fragt Peter: warum kaufst Du meine Tomaten nicht? Peter antwortet: Ach Maria, nur was von weit weg kommt, ist gut!
Wann lernen wir endlich, das unsere zu schätzen.

Kauf von Deinem Nachbarn. So sparst Du Zeit und Geld, weil Du nicht mit dem Bus nach Cahabón fahren musst. Dein Nachbar verdient mit seinen Produkten und das Geld bleibt im Dorf.

Nur so kommen wir miteinander vorwärts.“

Nach dem im letzten Rundbrief angesprochen Ausflug nach Purulhá mit 30 Frauen und Männern sind 6 Gruppen entstanden. Das war mein Hauptanliegen. Gruppen entstehen zu lassen, weil sich die Frauen aus Cahabón von den Frauen aus Purulhá überzeugen liessen. Die meisten arbeiten gut zusammen auch wenn wir manchmal beratend eingreifen.

Im Juli werden wir eine Weiterbildung mit einem einheimischen Arzt haben, der uns ausbildet und berät in Sachen Basismedizin. Welche Heilpflanzen sollen wir am besten mit den Frauen in den Gärten anbauen, welche Medizin mit Heilpflanzen herstellen. Wir kann man die wichtigsten Krankheiten wie Durchfall, Fieber, Malaria, Husten, Hautkrankheiten, Augenentzündungen und allgemeine Entzündungen mit Naturheilmitteln heilen oder wenigstens lindern. Was ist wichtig, um die Krankheiten zu verhindern. Das Wissen über Heilpflanzen bei den Menschen ist sehr gross. Und trotzdem werden sie nicht angewendet. Warum??? Keine Ahnung. Manchmal ist es kaum begreiflich, dass Kinder sterben müssen, nur weil sie Durchfall haben. Menschen sterben an einem einfachen Schnitt mit dem Messer, weil sie nicht desinfizieren und die Wunden nicht verbinden. Nach einem total entzündeten Fuss in Semox Chahal, den ich mit Bethadin desinfiziert und mit Bepanthen eine Nacht behandelt habe, kam die Frau am nächsten Tag fast ohne zu hinken zur Versammlung. Ich beschloss, hier einmal zu probieren, ob es funktioniert, wenn die Menschen Desinfektionsmaterial, eine Salbe und Pfästerli zur Verfügung haben. Beim letzten Besuch haben wir die Frauen ausgebildet darin, was wichtig ist und auch praktisch geübt, wie man desinfiziert und verbindet. Ich bin gespannt, ob es etwas genützt hat. Sehr viele Kinder hatten stark entzündete Kratzwunden am ganzen Körper. Anfangs Juli werden wir die Gemeinschaft wieder besuchen und dort auch für den ersten Markt mithelfen. Das Problem ist nämlich, dass die Mitbewoh-ner keinen guten Preis für das Gemüse bezahlen wollen. Also werden sie eine Dorfversammlung einbe-rufen und wir werden gemeinsam versuchen, die Menschen von der Wichtigkeit zu überzeugen, vonein-ander zu kaufen und die üblichen Preise zu bezahlen.

Viel Arbeit aber langsam sehen wir Resultate, die Freude machen.

Ich wünsche Euch Allen wunderschöne Ostern und ich hoffe Euch bald in der Schweiz zu sehen oder doch wenigstens zu hören.

Liebe Grüsse aus dem warmen und frühlingshaften Cahabón. Helen Hagemann


Danke für die eingegangenen Spenden. Leider habe ich auf das Postkonto im Moment keinen Zugang und kann die Spenden nicht einzeln verdanken. 2 Frauen wurden mit Geld aus den Spenden geheilt, Manuela Caal aus Pinares und Rosaria Cuz aus Chatela. Beide hatten monatelange Blutungen und waren so geschwächt, dass sie kaum mehr gehen konnten. Jetzt arbeiten sie wieder im Garten.

Allen die uns mit Gebeten, Gedanken und Spenden unterstützen von hier aus herzlichen Dank. Es lohnt sich, hier Zeit und Geld zu investieren. Die Menschen werden lernen und langsam aber sicher aus ihrem Teufelskreis ausbrechen können.

Helen Hagemann


Spendenkonten – Obersimment. Volksbank,CH- 3770 Zweisimmen Kto: 16 2.010.739.00 6327 - PC Nr der Bank 30-38272-3 /mein PC-Konto: 49-8882-5

     

8. Rundbrief vom November 2006     

 Liebe Freundinnen und Freunde,Spenderinnen und Spender, Frauen und Männer.Rundbrief 8



rundbrief 8


Wenn das Hahnenwasser wärmer ist als die Luft, die Berge blau scheinen, die Morgen- und Abendstimmungen zum Fotografieren einladen, dann ist Weihnachten nicht mehr weit. Die Luft ist klar und man sieht 6 und mehr Bergketten bis weit in die Ferne.



Unsere Arbeit vervielfältigt sich. Die Promotorinnen lernen immer mehr dazu und sind immer mehr in der Weiterbildung der Frauen tätig. Erste Hilfe,rundbrief 8 Hygiene, Ernährung, Kommunikation, Organisation, Arbeit in Gruppen. Auch das Kochen ist vielfältiger geworden. Wir haben angefangen mit den Frauen Orangenmarmelade mit Ingwer zu machen und haben die ersten Versuche mit Currysauce hinter uns. Der Hauptbestandteil von Curry, die Gelbwurz wächst hier wild, die Menschen kennen aber keine Nutzung dafür. Glücklicherweise essen die Leute den Curry sehr gerne. Jetzt geht es darum, die Schüler zu überzeugen, dass sie Gelbwurz in ihren Gärten und Parzellen anbauen.

rundbrief Kinder aufhängen zum schlafenImmer mehr wird klar, dass die Arbeit "nur" mit Familiengärten nicht ausreicht. Damit Familiengärten funktionieren, müssen einige Bedingungen gewährleistet sein. Die Frau muss Zeit dafür haben und die Kinder und der Ehemann müssen helfen. Und dies ist in vielen Familien der Knackpunkt. Die Männer haben grossenteils wenig Interesse am Familiengarten. Sie sind zwar stolz, wenn etwas wächst, aber sie sehen die Gärten nicht als Teil ihrer Arbeit und begreifen noch nicht die Wichtigkeit für die Gesundheit der Familie. Zaun flicken, Kompost aus den Parzellen bringen oder zubereiten, die Erde ab und zu lockern usw. wäre eigentlich ihre Arbeit. Sie müssen auch lernen, den Frauen mehr Zeit für den Garten einzuräumen. Die Frauen können nicht mehr jeden Tag aufs Feld - Kardamom, Kaffee, Chile, Mais ernten und dann auch noch Chile, Mais und Kaffee zuhause trocknen. Wenn sie am Mittag das Essen aufs Feld bringen, bedeutet auch meist 2-4 Stunden Weg pro Tag. Die Kinder werden grossenteils in der täglichen Arbeit eingebunden - Mädchen beim Kochen, Waschen, Fegen und Jungs auf dem Feld. Seit sie in die Schule gehen, ist das allerdings nicht mehr überall der Fall. Da der Garten nicht Teil der Tradition ist, gibt es auch keine Tradition, dass die Mädchen oder Jungs im Garten helfen. Hier müssen die Frauen lernen, die Kinder einzubeziehen. In der Auswertung über unsere Arbeit mit allen PromotorInnen haben wir ausserdem festgestellt, dass viele der Mütter auch in den diversifizierten Parzellen mitarbeiten, aber eben umgekehrt, dieRundbrief 8 Männer in den Gärten nicht helfen.

Rundbrief 8So haben die Frauen immer mehr Arbeit und unser Schwerpunkt ab nächstem Jahr wird es sein, die Frauen mehr zu entlasten zugunsten einer bessern Ernährung, Erziehung und Geldverdienen.

Auch stellen wir fest, dass Frauen in mehreren Kursen viel gelernt haben und dann doch nichts davon anwenden. Als Beispiel Chaslau - die Frauen haben Familiengärten, haben gelernt Brot zu backen und auch den entsprechenden Ofen und haben gelernt zu weben. Schon am letzten Abend des Webkurses, den wir mit einem kleinen Fest und Wortgottesdienst gefeiert haben, hat der Minister (höherer kirchlicher Laienposten), der die Feier geleitet hat, um weitere Projekte gebeten. Von den 10 Gärten, die wir momentan in Chaslau betreuen (ehemals 21), arbeiten 3 gut und die anderen mittelmässig bis schlecht, von den 12 Frauen, die Weben gelernt haben, arbeiten laut neuster Nachfrage 3 Frauen, in der Bäckerei, in der um die 15 Frauen ausgebildet wurden, wird ab und zu Brot gebacken. Da in der Comunidad Sepok ganz in der Nähe eine grössere Oberschule und Lehrerausbildungsstätte ist, könnten diese Frauen jeden Tag Brot backen und dort verkaufen. Jeden Tag kommen Bäcker aus Cahabón mit ihren Autos und verkaufen Brot in Sepok und auch in Chaslau. Warum es nicht funktioniert? Das hat mehrere Gründe.Rundbrief 8 Einer der Hauptgründe ist wohl die Kommunikationslosigkeit zwischen den Eheleuten und dazu kommt auch, dass die Frauen nicht wissen, wie und wo verkaufen. Sie sind im Gegensatz zu Frauen aus vielen Völkern keine Händlerinnen. Dazu kommt, dass ein fast unverständlicher Neid in den Comunidades herrscht, der dazu führt, dass die Leute nichts von ihren Nachbarn kaufen. Es dauert einige Zeit, bis die Leute aus dem eigenen Dorf einsehen, dass es sich lohnt, bei den eigenen Leuten zu kaufen.

In Frauengruppen, mit denen wir schon längere Zeit arbeiten, fängt die Zusammenarbeit langsam an zu funktionieren und etwas sehr Wichtiges, sie fangen an mit zu diskutieren und mit zu denken. Sie fangen an, die Schwierigkeiten zu analisieren und sind interessiert daran, etwas zu verändern.




Rundbrief 8Ende Oktober waren alle Mütter und Väter der Schüler wieder in der Schule. Weiterbildungrundbrief 8 für die Frauen war angesagt. Die Promotorinnen entschieden sich für 4 Themen: Erste Hilfe (einen Erste Hilfe Kurs besuchten sie selber im September), Hygiene, Gesundheit und interfamiliäre Kommunikation. Die Vorbereitung der 1-stündigen Kurse übernahmen die Promotorinnen selber. Jede Mama besuchte so 4 verschiedene Kurse von morgen um 10 bis abends um 17.00. Damit die Frauen einigermassen in Ruhe arbeiten konnten, organisierten wir einen Kinderhütedienst, der sehr gut funktionierte. Entgegen allen Befürchtungen machten die Frauen in allen Kursen sehr gut mit, diskutierten über ihre Probleme, suchten nach Lösungen und präsentierten abends um 17.00 das was sie für wichtig fanden im Plenum ihren Ehemännern und ihren Söhnen. Es scheint, dass wir den effektiven Problemen der Frauen näher kommen. Das Interesse war gross und die Promotorinnen wussten auch immer wieder mit Spielen die Müdigkeit zu verjagen. An diesen Themen werden wir ab nächstem Jahr intensiv weiterarbeiten.



Am verarzten von GipsyIn Semox Chahal haben wir anfangs Jahr Pflästerli, Bepanthen und Desinfektionsmittel da gelassen, nachdem wir mit den Frauen geübt hatten, wie sie entzündete Wunden, Schnittwunden und kleinere Verletzungen behandeln können. Sie haben sehr ängstlich reagiert und ich hatte keine grosse Hoffnung, dass sie die Medizin anwenden. Die grosse Überraschung deshalb bei unserem letzten Besuch. Wir sahen keine Kinder mehr mit Entzündungen und haben deshalb nachgefragt, ob die Medizin funktioniert. Bepanthen und 100 Pflästerli waren aufgebraucht und es kamen auch Frauen, die nicht zur Gruppe gehören, um Verletzungen behandeln zu lassen. Ich habe weiteres Material dagelassen. Ich glaube die Frauen haben sehr gut begriffen, worum es geht, damit keine grösseren Entzündungen mehr entstehen. Und der grosse Vorteil von Bethadin und Bepanthen - es brennt nicht und die Kinder lassen sich behandeln! Auf dem Foto Alexandra aus Spiez, die mir hilft, Gipsy zu verarzten. Alexandra und Daniel waren 2 Wochen mit uns unterwegs, um Cahabón und unsere Arbeit kennen zu lernen.




rundbrief 8In Chiacach - der Oberstufenschule haben wir mit Hilfe Ihres Lehrers für 2 Schüler und eine Schülerin, die die 9. Klasse mitrundrief 8 guten Noten abgeschlossen haben eine weiterführende Schule gefunden und ein Stipendium für 1 Schüler. Sie werden in Chichicastenango studieren. Die ersten Fische im neuen Fischteich haben einen guten Gewinn abgeworfen und unterdessen haben sie auch einen grossen Hühnerhof und mit 3o Hühnern im September angefangen zu arbeiten. Die diversifizierte Parzelle wurde vergrössert und jedeR SchülerIn hat jetzt auch zuhause einen Gemüsegarten. 5 SchülerInnen habe das 9.Schuljahr abgeschlossen und 5 neue SchülerInnen werden im neuen Schuljahr anfangen. Wir haben viel gearbeitet, zum Beispiel über Ernährung. Die SchülerInnen haben danach Plakate angefertigt und ihre Eltern an einem Nachmittag in die Geheimnisse der Ernährung eingeweiht. Viel zu diskutieren gab der Beitrag über Alkoholmissbrauch. Mit den 4 neu gekauften Gitarren sind sie fleissig am Üben.




In Cahabón ist Manuel aus Chiacach, der anfangs Jahr in Cuyuta gelernt hat, Bambus Möbel herzustellen daran, ein Haus zu barundbrief 8uen. Chiacach ist viel zu weit entfernt, um die Möbel auch verkaufen zu können. Zudem ist der Transport teuer. Manuel hat das Baumaterial und die Arbeiter beigesteuert. Ich habe das Wellblech für das Dach, die Nägel und das Schloss und ein Stück Boden, der zementiert wird bezahlt. Die Miete kostet Q 100.00 (ca. CHF 15.00) pro Monat. Das ist tragbar. Auf dem Foto (in Chiacach) fehlt noch das Lackieren. Die Möbel sind sehr schön und Manuel hat doch schon einige verkauft davon. Jetzt hoffe ich, dass die Arbeit im Dorf die Möbel bekannt macht und wir bald auch nach Cobán fahren, um die Möbel dort am Samstag zu verkaufen.



rundbrief


8 Mädchen und Frauen aus Chiacach und 12 Frauen aus San Cristobal Sacta haben einen neuen Webkurs angefangen. Die Frauen und Mädchen aus Chiacach kommen nach Cahabón und wohnen die 3 Tage bei den Schwestern und die Frauen aus San Cristobel Sacta werden in ihrer Comunidad ausgebildet.






rundbrief 8 in Cobán

Anfangs Oktober waren wir auf einem einwöchigen Weiterbildungsausflug. Alle PromotorInnen, mein Kollege
Arnulfo, 12 SchülerInnen aus der Oberstufe aus Chiacach und José Reyes, der Direktor der Schule in Chiacach. Frühstück in einem guten Bio-Restaurant in Cobán und danach Besuch der Finca der Besitzer. Sehr viel Hühner im Freilaufgehege, biologisches Gemüse, Werkstatt für Holz und Metall und ein sehr überzeugter Biobauer als Besitzer. Danach Besuch der Fischfarm in Salamá, woher auch alle unsere Fische stammen. Besuch des Zuhauses von meinem Kollegen Arnulfo in San Jeronimo mit Hühnern, Kaninchen, Enten usw. und Übernachtung in Rabinal. Besuch einer Jugendgruppe, die zum ersten Mal Tomaten in einem riesigen Gewächshaus anbaut. Am Nachmittag eine sehr gute Weiterbildung über interfamiliäre Gewalt und sexuelle Übergriffe im CIF von Rabinal.




rundbrief 8

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Am nächsten Tag Besuch einer grossen Kooperative in Chimaltenango, die Gemüse in die USA und Europa exportiert. Kennen Lernen all der hygienischen Massnahmen, die vor allem die USA verlangen von der Toilette bei jedem Feld, auf dem das Gemüse angebaut wird bis zu den Handschuhen und Haarnetzchen bei der Ernte und Verarbeitung - grosses Staunen der TeilnehmerInnen. Am selben Tag Besuch einer Kooperative, die vor allem Kefen für den Export anbaut. Hier hatten wir auch direkten Kontakt mit den Klein-Bauern. Übernachten in der Nähe von Panajachel und trotz Müdigkeit geniessen des grossen Dorffestes mit Feuerwerk. Am nächsten Tag Besuch einer weiteren Kooperative, die vor allem Mini-Zucchini, Kefen und Mini-Rüebli anbaut auch mit Plastikabdeckung. Da haben wir auch die Normen für die verschiedenen Gemüse kennen gelernt, die verlangt werden. Danach Ausflug mit dem Schiff auf dem Atitlansee - einem der schönsten Seen in Zentralamerika.



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rundbrief 8


Am nächsten Tag besuchten wir in Guatemala Stadt einen grossen Gemüsemarkt, den Zoologischen Garten, einen Markt mit einheimischem Handwerk, der vor allem für die Touristen eingerichtet wurde und eine grosse Gärtnerei, die Blumen und Bäume verkauft.

Wir haben viel gesehen und die jungen Menschen haben auch sehr viel gelernt. Vor allem die Hygienevorschriften, der technisierte Anbau und dass man mit Landwirtschaft Geld verdienen kann, hat sie tief beeindruckt. Die Besuche bei den Gemüsebauern und Kooperativen hat uns Helvetas vermittelt und Herr Pedro Hoffmann hat uns dabei kompetent begleitet.



Wenn wir jetzt zum Beispiel in einer Comunidad Orangenkonfitüre herstellen, erklären die Promotorinnen sehr genau, was sie über die Hygienevorschriften gelernt haben und können nun so doch einige Hygiene-Massnahmen durchsetzen wie zum Beispiel: Die Geräte, Tische und Hände sehr gut mit Seife Waschen, persönliche Hygiene, die Haare gut zusammennehmen, keine Kinder und Tiere in den Räumen, in denen gearbeitet wird usw. Das wird uns bei der Kommerzialisierung, mit der wir nächstes Jahr anfangen werden, sehr helfen.


schokoladenherstellung

Kommerzialisierung   - ein nicht sehr schönes Wort, aber etwas sehr Wichtiges, damit die Menschen auch vonrundbrief 8 ihren Produkten leben können. Hier wächst so viel, das man verarbeiten und danach verkaufen kann. Wie oben schon erwähnt, werden wir ab nächstem Jahr versuchen, einiges Herzustellen und zu Verkaufen, nicht nur in den Comunidades und Cahabón, sondern in ganz Guatemala. Dazu gehört die Orangenkonfitüre, Ananaskonfitüre, Zitronensirup, Pesto, scharfer Curry mit Chili, Ingwer, Schokolade in diversen Ausführungen, Zitronentee, getrocknete Früchte usw. Allerdings braucht das auch mehr Personal und wir sind daran, ein Projekt auszuarbeiten, weil ich das alles nicht mehr alleine machen kann.




rundbrief 8Und jetzt komme ich zum Schluss auch noch zu den Familiengärten, mit denen alles angefangen hat. Wir arbeiten im Moment mit 122 Familiengärten und haben 32 Gärten etwas aufs Eis gelegt. Das heisst, wir haben den Familien, die nie Zeit haben oder nie die Ratschläge der Promotorinnen befolgen oder kaum arbeiten, ans Herz gelegt, sie sollen ihre Gärten in Ordnung bringen und Kompost herstellen und sich dann wieder melden. Es ist für die Promotorinnen sehr schwierig, immer wieder nach langen Fussmärschen zu einem Garten zu kommen, in dem nie gearbeitet wird oder die Familien nicht einmal zuhause sind. Wir wollen uns auf die guten Gärten konzentrieren und vor allem auch mehrere Gärten in einer Comunidad betreuen, sodass wir mit den Gruppen anfangen können zu arbeiten um die Frauen weiterbilden. Wir werden voraussichtlich in 12 Comunidades nächstes Jahr mit grösseren Gruppen arbeiten können und in vielleicht 6 der Gruppen auch den einjährigen Kurs über interfamiliäre Kommunikation durchführen können.

Die Gärten sind farbiger geworden. Die Frauen fangen an, viel einheimisches Gemüse zu säen. Auch Bananen, Yuca, Taro oder Süsskartoffeln sehen wir plötzlich in oder um die Gärten. Baumspinat wird populärer und auch die Baumbohnen. Sie wissen auch langsam, welches Gemüse ihrem Boden und ihrer zur Verfügung stehenden Zeit angemessen ist. Wer wenig Kompost hat und einen harten Boden, kann zum Beispiel keine Rüebli anbauen. Sie werden langsam selbstständiger. Und da es sich herum spricht, dass hier Gemüse wächst, sind die Anfängerinnen auch nicht mehr so ängstlich. Die Gärten sind immer noch die Grundlage unserer Arbeit und brauchen immer noch viel Betreuung.    


Ich habe sehr viel Geld ausgegeben dieses Jahr für die diversen Projekte, die laufen. Chiacach (Oberstufenschule), Weben, Bambus, einwöchiger Ausflug, Kommerzialisierung, Kaninchen. Aber wir haben auch sehr viel erreicht, in den rund zweieinhalb Jahren, in denen wir jetzt arbeiten.


Juan Carlos


Ich bin deshalb froh, um jede weitere Spende, damit ich mit den diversen Projekten weiter arbeiten kann. Im Moment bin ich auch am Unterstützen von 2 Bebes, die gekaufte Milch brauchen, bis sie anfangen können zu essen. Da ist einmal Juan Carlos, dessen Mutter, bei der Geburt gestorben ist und Deri mit einer offenen Hasenscharte. Die Frauen kennen hier das Abpumpenrundbrief 8 Deri kit Hasenscharte der Milch nicht. Deri kann mit seiner offenen Hasenscharte keine Milch von der Brust seiner Mutter trinken. Die Milch ist sehr teuer, um die Q 550.00, das sind fast CHF 100.00 pro Monat. Dann gibt  es immer wieder Krankheitsfälle, die zum mir kommen und um Geld bitten. Ich möchte das zwar nicht ausweiten, aber es gibt immer wieder Notfälle.





Ich wünsche Euch allen wunderschöne und besinnliche Weihnachten und einen sanften Rutsch ins Neue Jahr.

Viele liebe Grüsse aus Cahabón.            Helen Hagemann


Danke für alle eingegangenen Spenden. Sie ermöglichen mir, all die kleineren und grösseren Projekte, die nicht durch die Schule abgedeckt sind zu finanzieren und helfen mit, dass viele Familien anfangen können, menschenwürdiger zu leben.

Spenden bitte auf PC-Konto: 49-8882-5 oder 30-204733-6 oder Obersimmentalische Volksbank Zweisimmen Konto 2.010.739.00



9. Rundbrief aus Cahabón - Ende Juni 2007

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Frauen und Männer

Zimt-  Pfeffer-  Schokoladen- und Schwefelduft  umgeben mich im ins Kerzenlicht getauchten Zimmer, während draußen ein tropisches Gewitter tobt. Schade kann ich Euch den Duft nicht mitschicken. Ich werde aber einiges in die Schweiz mitbringen.

Wie meist bei tropischen Gewittern gibt der Strom seinen Geist auf. Beim Anzünden der Zündhölzli für die Kerzen habe ich mir eine Fingerspitze verbrannt. Die Hölzli sind so feucht, dass es viele Versuche braucht, bis endlich eines davon so Feuer fängt, dass ich damit eine Kerze anzünden kann und nicht die Hälfte vom Köpfli abspringt oder ein Funken von Schwefel auf meine Finger überspringt.

Zum Glück hat mein Laptop eine Batterie, so kann ich wenigstens weiter schreiben.

Im Juli komme ich für 2 Monate in die Schweiz, doch mehr dazu am Schluss des Berichtes.

Ich bin mitten in einer Duftwolke von Zimt, schwarzem Pfeffer und Schokolade, weil ich morgen Nachmittag einiges zum Verkaufen mitnehmen möchte nach Cobán undProdukte Kommerzielisierung INUP Guatemala. Zimt und Pfeffer sind verpackt und brauchen nur noch die Etiketten. Die Schokolade möchte noch verpackt und mit Etiketten versehen werden. Die Etiketten sind fertig vorbereitet im Computer, aber leider braucht auch der Drucker Strom. Also werde ich wohl morgen um 5 Uhr aufstehen, wenn es langsam hell wird, hoffen, dass der Strom wieder da ist und anfangen zu schneiden, kleben und verpacken.

Um 7 Uhr fahren wir dann noch in die Comunidad (Weiler) Rumpok, um einer Gruppe zu helfen, die untereinander in Schwierigkeiten geraten ist.

Der  Schwefelgeruch kommt von einer Schwefelseife, die ich gestern Nacht hergestellt habe für eine Frau, deren Hände von einem Pilz überzogen sind. Tabletten, Schwefelseife und eine natürliche Pomade sollten ihr helfen, diesen Pilz wieder in den Griff zu bekommen. Sie kann nichts mehr arbeiten und die Medis aus der Apotheke haben auch nichts geholfen.

Zimt, Pfeffer und die Schokolade kommen aus verschiedenen Comunidades. Langsam fangen wir mit der Kommerzialisierung an. Allerdings noch ohne konkretes Projekt. Dieses ist bei einer baskischen Organisation eingegeben und wir hoffen, dass es im Herbst bewilligt wird. Und so kreiere ich Etiketten und Verpackungen, die bis jetzt bei den Kunden gut ankommen. Ich bin daran eine Qualitätsmarke für Cahabón zu kreieren für die verschiedenen Produkte, die wir über die Schule vermarkten möchten. Am Ende sollte eine Kooperative oder so etwas Ähnliches entstehen, in der die Menschen gelernt haben, die Qualität einzuhalten, zu verkaufen, zu vermarkten und neue Produkte und Nischen zu finden. OMI - "la calidad cahabonera orgánica" = OMI - "die Bio Qualität aus Cahabón". Der Name OMI ist für mich ein gutes Omen. Ich fragte die Promotorinnen danach, ob hier auch so etwas bekannt sei, wie die Qualität des Essens der Grosseltern, wie ich es schon in Cobán gesehen habe. Das ist zwar hier nicht bekannt, aber den Namen, die die Promotorinnen fanden, war eben OMI - das heisst ja auch Grossmutter auf Deutsch. Also hoffe ich, dass uns das Glück bringt. 

Unterdessen hat die Regenzeit angefangen nach einer langen Trockenzeit und die Gärten fangen wieder  an zu leben. Die Promotorinnen arbeiten unterdessen auch mit Basismedizin für Tiere wie Hühner, Enten und Schweine. Wir Impfen im Moment Tausende von Hühnern und Enten und versuchen die Leute dazu zu motivieren, danach selber ihre Tiere zu impfen. Jetzt ist wieder die Hühnerpest in der Nähe und da sterben meist alle nicht geimpften Hühner eines Weilers. Die Schweine haben teilweise so Hühner Impfenviel Parasiten, dass sie daran sterben. Wir versuchen jetzt in 2 Comunidades Tier-Promotoren auszubilden, die dann das Basiswissen und Basismedizin in der Comunidad haben und damit ihren Leuten helfen können. Falls dies funktioniert, werden wir einen Kurs ausschreiben. Es braucht allerdings viel Geduld, mehrmaliges Erklären und dann auch Erfolgserlebnisse, bis die Menschen an eine Tiermedizin glauben. Aber bis jetzt funktioniert es gut und wir haben schon vielen Tieren das Leben gerettet und somit auch vor allem den Frauen, die ja auch zuständig sind für diese Tiere, einen zusätzlichen Verdienst verschafft, wenn ihre Tiere nicht mehr sterben.          

5 Promotorinnen und eine "Koordinatorin" arbeiten jetzt mit den Frauen.

Neben der Tiermedizin und natürlich den Gärten geben wir jetzt auch Kurse in Hygiene und ab August Kurse in Durchfall und Austrocknung des Körpers. An dieser Austrocknung sterben sehr viele Kinder und auch Erwachsene, vor allem bei Durchfall und Erbrechen. Das schlimme ist, dass Kinder bei Durchfall oft nichts mehr zu essen und trinken bekommen und die Frauen die Bebés nicht mehr trinken lassen. Ein weiteres Thema ist das Essen während der Schwangerschaft. Vieles ist da verboten, was man nicht essen kann oder darf. Ein noch heikleres Thema, das wir bis jetzt nur mit den Promotorinnen angegangen sind, ist alles was mit Sexualität, Schwangerschaft, Verhütung, Menopause usw. zusammen hängt. Das ist wie früher bei uns ein totales Tabu Thema und auch die Lehrerinnen, die bei uns arbeiten, wissen nicht viel darüber. In allem allerdings sind sich alle einig - einen Orgasmus kann nur ein Mann bekommen!!

Am 18. Juli komme ich in die Schweiz und werde bis zum 12. September da bleiben. Ich werde im August sicherlich am Jubiläum von Fidei Donum teilnehmen, in Spiez habe ich schon einen vorläufigen Termin (26./27. August) und werde wohl noch an anderen Orten sein. Ich werde Euch rechtzeitig informieren, sobald ich alle Daten habe. Natürlich seid ihr auch herzlich eingeladen, mich  nach Absprache in Zweisimmen zu besuchen.   

Die Situation in Guatemala ist schwierig. Sehr viel Kriminalität mit vielen Toten. Guatemala hat jetzt Freihandelsverträge mit den USA und strebt weitere mit China undSonnenaufgang über nebelmeer Europa an. Das bringt nur den schon Reichen und den Multis Geld. Freihandelsverträge funktionieren nur unter gleichberechtigten Partnern, sprich Ländern. Des Weiteren will die Regierung Zollfreizonen in jedem Departement schaffen, wo die Ausländer Maquilas (meist Kleidernähfabriken und ähnliches) aufstellen sollen und so ungeschützte, billige Arbeitsplätze und ohne Bezahlung von Steuern errichten sollen. Der Mais, das Hauptnahrungsmittel wird immer teurer, weil vor allem die USA, die sehr viel Mais nach Guatemala exportiert hat, den Mais jetzt für die Herstellung von Methanol braucht. Es scheint, dass die Hersteller von Methanol höhere Preise für den Mais bezahlen, als die Nahrungsmittelindustrie und die Konsumenten von Mais. So dreht das Rad sich weiter - Benzin und Mobilität ist heute wichtiger als Essen. Dazu kommt, dass Guatemala über 100 Bewilligungen für Bergbau (Guatemala ist reich an Bodenschätzen) unter offenem Himmel ausgestellt hat. Alles sind ausländische Firmen und müssen nur 1% des Gewinns an Guatemala abgeben. Minimale  Umweltbestimmungen und keine Schwierigkeiten beim Landkauf beflügeln die Bergbauindustrie. Unterdessen sind auch Comunidades von Cahabón betroffen. Ganze Comunidades werden aus ihren Dörfern verjagt. Anderorts geben die Menschen die Bewilligung für Untersuchungen ohne zu wissen, um was es sich handelt. Ihnen werden Löhne versprochen, Geschenke gemacht, die Leader der Comunidades werden gekauft. Irgendwie ist es schwierig, den Menschen einen Vorwurf zu machen - sie haben kein Geld und möchten auch endlich teilhaben am Reichtum, der um sie herum entsteht. Auch endlich ein Fahrrad, ein Radio, ein Fernseher, Coca Cola, Geld für die Schule und Studium der Kinder, Geld für Medikamente und Spital- oder Arztbesuch..... Schlimm ist, was zurückbleibt nach der Ausbeutung einer Region im Offenabbau ohne greifende Gesetze auch für die Entsorgung des Giftmülls und Wiederherstellung des verwüsteten Gebietes. 

Dazu kommen Gesamtwahlen im September. Wahlfieber überall - jedes Wochenende kommen Präsidentschaftskandidaten oder ihre Gattinnen mit Helikoptern zu Besuch und versprechen der Blaue vom Himmel herab. Auch Rigoberta Menchu ist eine Präsidentschaftskandidatin. Aber sie hat keine grossen Chancen. Ich glaube, sie wird sehr stark missbraucht von einigen Menschen. Am Samstag kommt sie nach Cahabón und ich werde wohl hingehen und schauen und hoffen, dass wenigstens sie nichts verspricht, was sie niemals halten können.

Ich freue mich auf die Schweiz und hoffe, viele von Euch zu treffen.


Liebe Grüsse aus dem feuchtheissen Cahabón.      Helen               

Fotos: Einige Produkte der Kommerzialisierung, Kinder helfen beim Impfen in Sebas, einer der wunderschönen Mogenstimmungen



10. Rundbrief vom Dezember 2007 

Liebe Freundinnen und Freunde,

schon wieder ist ein Jahr vorbei. Weihnachtszeit und doch kommt hier für mich keine richtige Weihnachtsstimmung auf. Sie Bräuche sind sehr verschieden hier. Zwar gibt es Weihnachtskrippen und Posadas und seit ein paar Jahren auch Weihnachtsschmuck in Form von Lichterketten an den Häusern (aus China), der Weihnachtsrummel und die Fernsehpropaganda wird immer grösser, Santa lacht immer mehr sein Ho Ho Ho und in einigen Häusern sieht man jetzt hier auch Weihnachtsbäume - Fernsehen sei Dank. Wir werden auch hier immer US-amerikanischer. Ich glaube aber, dass das Wetter für meine fehlende Stimmung die grösste Rolle spielt. Wir haben im Moment wunderschönes Wetter. Sonnenschein jeden Tag und nachts kühlt es ganz schön ab.  

Ich möchte Euch von einer Mayazeremonie erzählen, die ich vorgeschlagen habe und zu der ich am 27. in Chiacach eingeladen war.

Aber zuerst möchte ich Euch allen alles alles Gute für das Neue Jahr wünschen. Die Festtage sind wohl schon fast vorbei. Ich bin etwas spät, aber ich hoffe, ihr hattet eine erholsame und gute Zeit in diesen Tagen. Und wünsche Euch noch einen guten Rutsch.     Helen

Danke allen SpenderInnen, die uns das ganze Jahr über unterstützt haben in Gedanken und auch mit Geld. Ich glaube, das Geld ist gut angelegt.   Am Ende des Berichts kommt noch der Bettelbrief. Und nun lasst Euch hinein nehmen in eine andere Welt.

kochen bei zeremonieUm 4 Uhr abends komme ich an, nach einer 1,5-stündigen Fahrt über holprige Naturstrassen. Es ist noch heiss und ich suche Schatten für das Auto, steige aus und verlasse damit meine Welt.
Viele Kinder umringen wie immer das Auto und schauen neugierig hinein. Ich suche die SchülerInnen und gehe zum Allzweckraum mit Küche - Holzwände aus breiten Brettern aus dem eigenen Wald und von Hand mit einer Motorsäge zugeschnitten, zwei Türen und Wellblechdach. Trotzdem ist es angenehmkühl in dem grossen Raum.

Der Vordere Teil ist noch abgetrennt, er diente als Schulraum. Nur noch die Tafel erinnert daran. Chiacach hat ein neues Schulhaus bekommen mit 3 Klassenzimmern. Das Provisorium hat somit ausgedient. Anschliessend befindet sich die grosse offene Kochfläche, aufgebaut mit Steinen auf ca. 50 cm Höhe. Hier finde ich einen grossen Teil der Schülerinnen. Sie bereiten die Tortillas vor für das traditionelle Essen, das zu jeder Zeremonie gehört. Das Schweinefleisch ist schon vorgekocht.
Viele haben schon vor meiner Ankunft hier viel gearbeitet. Kerzen gezogen (alle Teilnehmende bekommen 2 Kerzen), Kirche vorbereitet, Schwein geschlachtet, das Fleisch geräuchert und am nächsten Tag vorgekocht (Kühlschränke gibt es hier nicht – auch keinen Strom), die Tamales vorbereitet (Maisküchlein eingewickelt in Bananenblätter und im Wasser gekocht), den Pom (einheimisches Harz als Weihrauch) eingekauft und vorbereitet, das Mayakreuz vor dem Altar mit Blumen, Blättern und Kerzen gestaltet. Alle haben mitgeholfen. Jeder hat seine spezifische Arbeit. Hier klappt die Zusammenarbeit seit Jahrtausenden.
Ich setzte mich in die einzige Hängematte im Raum und nach kurzer Zeit wird Kakao und ein Stück Fleisch mit Reis gebracht. Ich esse und schaue dem emsigen Treiben der jungen Frauen zu. Ein paar Fotos – lachen beim Anschauen auf dem Bildschirm der Kamera.
Langsam wird es dunkler draußen. Immer mehr Frauen erscheinen mit Kindern und hängen in dem Raum ihre Hängematten auf. Die Frauen werden das weitere EssenJugendliche machen Musik zubereiten und auch in der Zeremonie ihren Teil beitragen. In den Hängematten werden dann ihre kleineren Kinder schlafen. Ich gehe zum Auto, um meine Taschenlampe zu holen und lege mich wieder in die Hängematte. Draussen wird es um 6 Uhr stockdunkel sein. Drinnen werden einige Kerzen an die Wände geklebt, die den Raum notdürftig erhellen.
Immer mehr Leute – ein Kommen und Gehen. Männer, Frauen, Kinder – sie suchen etwas, hängen ihre Taschen an die Wände, betten ihre Kinder in die Hängematten oder arbeiten an der Vorbereitung des Essens. Ein emsiges hin und her – Taschenlampen blitzen auf oder Kerzenschein schwebt in irgendeiner Hand vorbei.

Um 7 dann eine Versammlung mit den Jugendlichen aus dem 7.-9. Schuljahr – knapp mehr Mädchen als Jungs – in dem ehemaligen Schulraum. Viele Erwachsenen hören im Hintergrund zu. Es geht darum, den Jugendlichen, die auswärts studieren gehen, Ratschläge zu geben. Diese Jugendlichen kommen in eine total fremde Welt, ohne Familie im Hintergrund, allein auf sich gestellt (es sind zwar immer 2-3 am selben Studienort), eine Welt, die anders funktioniert, als die Welt zuhause. Die vertraute Sprache fehlt. Ich und José Reyes der Lehrer geben ihnen diese Ratschläge mit auf den Weg – vor allem in Form von Verantwortlichkeiten. Verantwortlich für sich selbst – genügend und gesund essen, persönliche Sauberkeit – studieren nicht für die Examen, sondern für das Leben;  verantwortlich gegenüber den Geldgebern, seien dies Eltern oder Stipendiengeber – studieren und nicht Feste feiern oder gar Kinder kriegen, das ist für später vorgesehen; verantwortlich gegenüber ihrer comunidad – weitergeben, was sie gesehen und gelernt haben an ihre KameradInnen und Familien und später am Aufbau ihrer comunidad mithelfen. Das ganze lebhaft und auch mit Gelächter aber die Menschen hören sehr aufmerksam zu.

geschmückte Kirche in Chiacach

Kurz nach 8 wechseln wir dann in die festlich geschmückte Kirche. Dieselbe Bauweise, Holz und Wellblechdach. Harfenmusik begleitet die wichtigen Schritte jeder Zeremonie. Langsam erscheinen alle Familien (ausser 3) mit ihren grösseren Kindern und die Kirche füllt sich. Nach einer Begrüssung durch die Katecheten und Ältesten wird abwechselnd gesungen - dies mit Gitarrenbegleitung durch die Jungs – und Ansprachen von Ältesten, mir, dem Lehrer und dem Bürgermeister von Chiacach. Es geht nun nicht nur um die SchülerInnen, die auswärts studieren gehen, sondern auch um die SchülerInnen der Unterstufe und den Ex-SchülerInnen, die zuhause weiterarbeiten werden.



Danach Bibeltext, Auslegung durch einen Katechisten, und dann das herein tragen der Gaben durch die Frauen. Mit viel Weihrauch beräuchern sie das Mayakreuz, den Altar, die Heiligen und nach Abstellen der Gaben ins Mayakreuz umrunden sie 3x links herum und 3x recht herum den Alter mit dem Weihrauch. Dazu spielt immer die Harfenmusik. Sie knien alle vor das Mayakreuz, die Kerzen in den Händen und beten inbrünstig für die Jugendlichen und sicherlich auch für die Comunidad. Nach dem Aufstehen, beten in die 4 Himmelsrichtungen mit anschliessendem Kreuzzeichen und Verbeugung. Danach tanzen sie immer noch zur Harfenmusik ihren traditionellen Tanz. Das ganze ist getragen von einer Würde, Hingabe an Gott in einer sehr intensiven und dichten Atmosphäre.

Das Vater Unser gesungen in einem mitreissenden Rhythmus weckt uns aus der tiefen Versunkenheit dieser Gaben Darbringung. Der Friedensgruss ist lebendig und vollerGebet in der Kirche Freude. Und während ein Ältester redet, werden an alle Anwesenden Kerzen verteilt. 2 Kerzen für 2 weitere Zeremonienteile.

Der erste Teil in der Kirche – alle Menschen knien sich nieder und beten laut zu Gott, Jesus, Tzuultaqa, danken, bitten bis das Gebet langsam verebbt und der Vorbeter das Abschlussgebet spricht. Ich fühle ein Eingebundensein in das Ganze, ein Mit-Hineingenommensein in die Gemeinschaft und das Gebet.





Das ganze wird vor der Kirche nochmals wiederholt. Pom (Baumharz) wird in einem tönernen Gefäss verbrannt und die Flammen steigen immer höher in den Himmel. Gedanken kommen auf, von Gott, der die Opfer annimmt – Gebete, die zum Himmel steigen und als der Wind einmal die Flammen zum Boden zurückdrückt die Frage, ob wohl Gott das Opfer ablehnt – Erleichterung, als die Flamme wieder aufrecht gegen Himmel strebt.

gemeinsames gebet vor der kircheDieselbe Gebetsform wiederholt sich, nur diesmal noch lauter, noch inbrünstiger und der neue Bürgermeister will gar nicht aufhören, als alle schon schweigen, betet er laut weiter.  Nach den Gebeten werden alle Kerzen drinnen sowie draußen auf den Boden geklebt und verbrennen so nahe des Mayakreuzes und des verbrennenden Pom. Ein Gebet zu Gott auch dieses Zeichen der Kerzen. Die aufstrebende Flamme trägt die Bitten weit hinauf in den Himmel und die Unendlichkeit.

Wieder zurück in der Kirche wird das Abschlusslied gesungen. Danach kommt die eigentliche Segnung aller Kinder, die in die Schule gehen und der Jugendlichen, die auswärts studieren werden und derer, die zuhause an den Projekten weiterarbeiten werden. Drei Älteste nehmen die Segnung vor. Einer nimmt das Kreuz, einer die Bibel und einer die Altarkerze. Nun werden jedem Kind und Jugendlichen zuerst das Kreuz, dann die Bibel und danach die Altarkerze auf den Kopf gelegt als Zeichen der Segnung. Viele Kinder warten diesmal still und fast andächtig die Segnung durch die Ältesten. Viele Mütter stehen am Rand und schauen zu. Danach kommen die obligaten Dankesreden der Ältesten und Katecheten, während die Jugendlichen anfangen, das Essen hineinzutragen in die Kirche. Das zeremonielle Essen von einer Suppe mit Schweinefleisch bei dieser Zeremonie oder Hühnerfleisch findet normalerweise in der Kirche statt. Das Kacheli mit dm Essen wird auf den Boden gestellt und nach einer Aufforderung zum gemeinsamen Essen,segnungen er schüler wird auch gemeinsam gegessen. Es ist unterdessen 2 Uhr nachts geworden und ich habe mir vorgenommen, wieder nach Hause zu fahren. Die Hängematten sind alle besetzt. Die meisten werden erst am Morgen nach Hause gehen und die Nacht in den Hängematten oder einfach am Boden schlafen. Die Harfe wird noch bis zum Morgengrauen weiter spielen. Zum Glück kam Reginaldo mit mir. Unterwegs musste ich ihn auffordern, mir etwas zu erzählen, damit ich nicht einschlafe und er erzählte mir Geschichten, die ihm sein Grossvater erzählt hat. Um 4 Uhr morgens waren wir wieder in Cahabón. Als mich jemand um 8 Uhr rief, wusste ich im Moment nicht mehr, wo ich war. Ich schlief noch einige Stunden danach weiter. Ich werde langsam alt.

Ich hatte die Idee einer Zeremonie für die Jugendlichen, die auswärts studieren gehen. Ein Hintergedanke war auch dabei. Ich wollte das Projekt des Ciclo Básico besser in die Comunidad einbinden. Die Ältesten schlossen dann alle SchülerInnen mit ein – ein richtiger Weg. Es war die erste Zeremonie, die in Chiacach für die Schüler und deren Stärkung durchgeführt wurde. Und ich nehme an, auch die erste in Cahabón. Den Menschen hat die Zeremonie gefallen, wie ich gehört habe und mir auch.                       

In Chiacach arbeite ich seit 2005 vor allem mit dem Ciclo Básico, das ist das 7.-9. Schuljahr hier in Guatemala. Damals kamen ein Vater und ein Lehrer zu mir und baten um Hilfe. Sie waren kurz davor, das Projekt Ciclo Básico aufzugeben, weil die Eltern kein Geld hatten, die jährliche Einschreibegebühr und die monatlichen Kosten zu bezahlen. Also machten wir einen Vertrag zwischen den SchülerInnen und mir. Sie werden einen grossen Garten bearbeiten und ich werde die Kosten für die Schule übernehmen. Unterdessen hat neben dem Schulgarten nicht nur jedeR SchülerIn einen Garten zuhause, die Schule hat auch einen Fischteich, einen Hühnerhof und eine diversifizierte Parzelle mit einheimischem Gemüse wie Maniok, Taro, Süsskartoffeln, Bananen Zuckerrohr usw. Auch fast alle Familien der SchülerInnen haben eine dieser Parzellen, die für eine bessere Ernährung der Familien sorgt. Viele Weiterbildungen haben ich, meine Kollegen, die Promotorinnen und Promotoren mit den SchülerInnen veranstaltet. Von der Mayakultur über Kochen bis zum Pfropfen von Bäumen. Der Lehrer und Direktor des Ciclo Básico, Jose Reyes Cucul hat einen grossen Anteil an dem Erfolg der Schule. Er ist auch einer der 2 Lehrer der Unterstufe in Chiacach.

Es waren immer zwischen 17 und 19 ShülerInnen in dieser Oberstufe. 2005 haben Mario (Agronom des Instituts, in dem ich arbeite)und ich zum ersten Mal 3 Ex-Schüler des Instituts zu einer Schule in Escuintla gebracht, in der sie gratis einen 2-jährigen Bachelor Studiengang absolvierten. Einer davon war Pablo aus Chiacach, der erste Schüler überhaut aus Chiacach, der einen höheren Studiengang auswärts absolvierte. Nächstes Jahr werden es 11 SchülerInnen sein, die an verschiedenen Orten in Guatemala einen Bachelor Studiengang absolvieren und Pablo wird in Nicaragua an der Uni weiter studieren. 3 junge Frauen und 9 junge Männer. 7 studieren mit Stipendien und die anderen 5 mit Hilfe der Eltern in Internatsschulen von Orden.

Viele der Bachelor Studiengänge beinhalten gleichzeitig das Erlernen eines Berufes. So werden wir in einigen Jahren doch einige Berufe haben, die Chiacach als Comunidad weiter helfen können. Pablo Sub Xol (Landwirtschaft), Luis Sub Xol (Landwirtschaft), Jorge Choc Saquij, Adolfo Caal Sub (Automechaniker), Maria Caal Sub (Schneiderin), Victor Tzalam Chun (Automechaniker), Maria Angelica Caal Xol (Computer), Aura Florinda Maquín Quib (Computer), Elder Maquín Saquil (Schreiner), Miguel Maquín Saquil (Elektriker), Marco Aurelio Xuc Quib, Juan Rafael Bol Rax (Geschäftsführung). Die Idee ist klar, alle SchülerInnen haben nach dem Studium die Verpflichtung, ihrer Comunidad zu helfen.

Im Januar werden wir eine Asociación - einen Verein bilden, mit Regeln, Verpflichtungen und Rechten. Diese Form der Organisation ermöglicht es auch, die Errungenschaften der Schule zu schützen, so dass niemand den SchülerInnen die Projekte wegnehmen kann. Als nächstes sind nämlich ein Laden und eine Maismühle geplant, später eine Bäckerei, Kaninchenzucht und eine Schweinezucht. Die Einnahmen der diversen Projekte sollen helfen, dass alle Kinder mindestens den Ciclo Básico absolvieren können. Gleichzeitig lernen die jungen Menschen Zusammenarbeit, Verantwortung und natürlich auch die Handhabung der verschiedenen Projekte. Die älteren SchülerInnen sind jeweils verantwortlich dafür, dass die neu Eintretenden die Handhabung der verschiedenen Projekte lernen, inklusive einer Buchhaltung, der Handhabung eines Bankkontos usw. Ex-SchülerInnen, die in Chiacach bleiben, sind immer herzlich eingeladen, in dem Projekt weiter zu arbeiten. Wenn Ex-SchülerInnen des Ciclo Básico einen Beruf ausüben, sind sie verpflichtet, jeden Monat einen Betrag (je nach Verdienst) in die Kasse der Schule zu überweisen. Aus dem Überschuss der Kasse können auch Stipendien bezahlt werden.

Nicht zu vergessen sind auch die 2 Ex-Schüler aus Chiacach, Manuel und Reginaldo, die ein Micro-Empresa - ein kleines Unternehmen mit der Möbelfabrikation aus Bambus aufgebaut haben. Langsam geht es aufwärts und sie lernen auch zu verkaufe und nicht nur zu produzieren.   
 
Eben gerade habe ich einen Anruf erhalten von José Reyes, dem Lehrer. 6 Jugendliche aus dem Nachbardorf wollen nächstes Jahr in Chiacach studieren und es scheint, dass auch Leute aus Cahabón anfragen, ob ihre Kinder nicht in Chiacach den Ciclo Básico absolvieren möchten. Die 6 Jugendlichen aus Salak dem Nachbardorf werden eher eine Chance haben. Das Komitee der Schule und die Menschen aus Chiacach haben dies zu entscheiden. Dann sehen wir weiter. Im Moment werden aus Chiacach selber nur 6 neue SchülerInnen eintreten in den Ciclo Básico – immerhin 6 der 8 SchülerInnen, die die 6. Klasse dieses Jahr abgeschlossen haben.

Projekte, für die ich vor allem Geld brauche:
  • 2 Stipendien für Maria Angelica und Aura Florinda, die in San Cristobel Bachelor mit Computer studieren werden für 1 Jahr und 2 SchülerInnen Sfr 3170.00
  • Lohn für die 3 Lehrer in Chiacach für den Ciclo Básico ca. Sfr 2500.00
  • Einschreibegebühr für die SchülerInnen Ciclo Básico rund Sfr 450.00
  • Lohn für eine oder 2 Promotorinnen rund Sfr 5000.00 für eine Promotorin
  • Projekt eines Laden rund Sfr 2000.00
  • Projekt einer Bäckerei rund Sfr 3400.00
  • Projekt einer Maismühe rund Sfr 1670.00

FALLS JEMAND EINE INSTITUTION KENNT, DIE STIPENDIEN VERLEIHT, BITTE MELDET DIES MIR DOCH. ES GIBT SO VIELE GUTE SCHÜLERINNEN, DIE WEITER STUDIEREN MÖCHTEN.  

Danke danke allen, die uns aus finanziell weiterhelfen und immer wieder unterstützen können.    

Bäckereien, Läden und Maismühle werden auf Basis eines Kredites vergeben. 6% jährlich zu bezahlen. Wenn die Kredite zurückbezahlt sind, können weitere Projekte vergeben werden. Die Kredite sollten innerhalb eines Jahres oder 1,5 Jahren zurückbezahlt werden können. Die Bäckerei ist im Moment vorgesehen für eine Frauengruppe in Chaslau.
Viele Ex-Schüler zum Beispiel möchten einen Laden in ihrer Comunidad aufbauen.    

Helen Hagemann
Instituto Fray Domingo de Vico
Barrio San Pedro
GUA 16012 CAHABÓN  - Altaverapaz
GUATEMALA
Cel: 56 37 85 24
TEL:  00502 79 83 18 55 (Instituto)





11. Rundbrief vom 20 August 2008                            


Liebe Freundinnen und Freunde,

Es ist 6 Uhr morgens. Eben komme ich aus Tamax zurück, wohin ich die Promotoren gefahren habe. Sie werden der Familie eines Schülers helfen, die Kakaobäume und ihre Schattenbäume zurückzuschneiden, damit die Kakaobäume wieder viele Früchte tragen. Vor etwa 4 Jahren ist eine Pilzkrankheit des Kakaos hier aufgetaucht, die sich über Jahre hinweg den Weg von Kolumbien über  Zentralamerika nach Guatemala und jetzt auch nach Mexiko gebahnt hat. Diese Krankheit Monilla befällt die Früchte. Mit einem guten Schattenmanagement – will sagen, die Früchte dürfen nicht viel Schatten haben – ist diese Krankheit sehr gut kontrollierbar.

Tamax ist eine Aldea, direkt am Fluss Cahabón gelegen. Immer noch ist keine Brücke vorhanden und die Fähre funktioniert in der Regenzeit wegen Hochwasser fast nie. Auf der anderen Seite des Flusses liegen etwa ¼ aller Dörfer von Cahabón. Die Pfeiler der Brücke stehen. Und auch der ganze Mittelteil war vorbereitet zum Betonieren. Vor etwa 3 Wochen haben sie nachts angefangen den Beton einzufüllen. Auch der Bürgermeister war da, als um 3 Uhr morgens das ganze Gebilde einstürzte und 10 Männer mit in die Tiefe riss. 9 Männer waren aus Tamax und können schwimmen. Diese konnten sich nach ca. 2 Kilometern flussabwärts an das Ufer retten. Der Sohn des Verantwortlichen des Brückenbaus, ein 18 jähriger Junge aus Zacapa wurde leider nicht mehr gefunden, obwohl sie da ganze Gewirr von der zusammengebrochenen Brücke mit 2 grossen Kranen gehoben haben. Zu dünnes Eisen wurde verwendet – irgendjemand hat sich hier das gesparte Geld in die eigene Tasche gesteckt.

Und hier wären wir bei den Preisen. Sie explodieren unkontrollierbar. Der Benzinpreis ist seit April 2004, als ich das Auto bekam von Q 12.30 (Sfr 1.75) pro Gallone (3.79 l)  auf heute Q 40.30 (Sfr 5.75) gestiegen, das sind fast 3,5 mal so viel wie vor 4 Jahren. Und mit dem wird jede Preiserhöhung gerechtfertigt. Grundnahrungsmittel, Artikel für den täglichen Gebrauch, Busfahrten usw. – nur die Bauern erhalten nicht mehr für ihre Produkte. Trockenmilch, die vor einem Jahr noch Q 123.00 kostete, kostet jetzt Q 193.00 und so ist es mit fast allem hier - eine verrückte Welt. Der Konsum geht merklich zurück. An den Markttagen Mittwoch und Samstag sind sehr wenige Menschen hier. Das hat allerdings auch damit zu tun, dass die Menschen einfach kein Geld mehr haben, weil in den Monaten Mai-Juni-Juli-August kaum etwas geerntet werden kann. Jetzt bessert es wieder ein bisschen, die Chile-Ernte hat angefangen und bald fängt die Kardamom Ernte an. Das bringt dann doch einigen Menschen wieder Geld zum Leben und Schulden bezahlen.

Die neue Regierung hat bis jetzt noch nicht viel zustande gebracht. Allerdings sind sie jetzt daran, armen Familien zwischen Q 100 und Q 300 alle 2 Monate zu bezahlen, damit sie ihre Kinder in die Schule schicken. Es sind Tausende Familien, die so in den Genuss eines kleinen Zustupfs kommen. Für die Menschen ist es im Moment vielleicht eine kleine Entlastung, aber das System ist katastrophal. Es verleitet die Menschen noch mehr dazu, einfach die Hände auszustrecken, zu rufen: ich bin arm, und dabei die Hände in den Schoss legen und nichts verbessern in ihren Anbaumethoden oder Diversifizierung. Schon die meisten grossen Hilfswerke haben mit dieser Methode gearbeitet und arbeiten immer noch so – Geschenke und nochmals Geschenke, sie haben den Menschen sogar die Stunden bezahlt, die sie in den Gärten oder Parzellen gearbeitet haben.

Die erste Frage ist dann auch meist, wenn jemand mit einem Projekt kommt, was bekommen wir geschenkt? Ohne Geschenke oder Geld sind sie kaum interessiert an einem Projekt. Die Erziehung zur Bevormundung geht jetzt im grossen Stil durch die Regierung weiter. Schade!                         
 
Um mich herum duftet es herrlich. Vor kurzem ging vor meinem Häuschen eine weisse Nachtblume auf, die sehr stark nach Jasmin duftet. Mein Häuschenweisse wilde jasminblume ist im Moment die Produktionsstätte für die Kommerzialisierung, da das neue Gebäude dafür noch nicht fertig gestellt ist. Ich habe Säcke voller Zimt, verpackt und unverpackt, schwarzen Pfeffer, Nägeli, Kakao, Schokolade in mehreren Formen, und heute haben wir Chile sortiert und geröstet, Knoblauch geröstet und im Moment trocknen im Ofen noch verschiedene Kräuter wie Koriander und Samat. Morgen werden wir mit all diesen Zutaten Chile-Paste machen und auch noch getrockneten Chile verpacken für den Verkauf. Am Freitag geht es dann weiter mit verschiedenen Schokoladen – zum Trinken und zum Essen. Es ist der Endspurt vor meinen Ferien.





Logo INUPAm 1. September komme ich für 2 Monate in die Schweiz. Noch müssen vor meiner Abreise einige Produkte produziert, verpackt und an die verschiedenen Läden verteilt werden. Die ganze Kommerzialisierung ist jetzt am anlaufen. Bald werden wir die Bewilligungen und eine eigene Firma für die Produktion und den Verkauf haben. Das Logo habe ich fast fertig. Es fehlen nur noch einige kleine Details. INUP = Ceiba oder Kapokbaum- heisst die Firma. Die Ceiba ist der Nationalbaum in Guatemala – INUP ist der q’eqch’i Name dafür. Wir werden vor allem Produkte, die in Cahabón angebaut werden vermarkten – Zimt – gemahlen und ganz, schwarzen Pfeffer in Körnern und gemahlen, Nägeli ganz und gemahlen, Chile ganz und in Chile-Paste und Schokolade zum Trinken und zum Essen sind die ersten Produkte, für die wir eine Bewilligung einholen werden. Das ist ziemlich aufwändig, kompliziert und auch teuer. Doch für den überregionalen Verkauf ist dies heute erforderlich.
Während meinen Ferien wird da nicht sehr viel laufen. Wenn ich zurückkomme, werde ich dann eine Frau ausbilden, die alles von mir lernt und dann auch selbstständig weiter arbeiten kann. Es ist nur sehr schwierig, jemanden zu finden, der eine gute Ausbildung hat und hier nach Cahabón kommt.
 
Im Cahabón selber werden wir einen kleinen Laden eröffnen, in dem wir unsere eigenen Produkte verkaufen werden, aber auch Produkte des täglichenBodenputzmittel Lebens. Da werden wir dann auch produzieren wie Sesamriegel, Kokosguezli, Shampoo, Seife usw., die nur für Cahabón gedacht sind. Letzte Woche haben wir auch das erste Mal ein Reinigungsmittel hergestellt für den Boden und für Fenster. Das wird jetzt hier immer mehr gebraucht, weil immer mehr moderne Häuser mit Zementsteinen und Plättliboden gebaut werden.



Die Familiengärten betreut unterdessen Rosa Maria – ehemalige Promotorin - als Koordinatorin. Dolores arbeitet in den Bergen mit 17 Familien, die einen Garten besitzen. Und unterdessen müssen auch alle Familien der Studierenden der Schule einen Familiengarten anlegen, vor allem mit einheimischem Gemüse und Gewürzen. Das Problem der Fehlernährung ist immer noch riesig. Die Menschen sind es einfach nicht gewöhnt Gemüse und Früchte zu essen. Die Herstellung der täglichen Tortillas kosten die Frauen 6-7 Stunden Arbeit täglich und trotzdem finden sie, dass Gemüsesuppe kochen, zu viel Arbeit ist. Da braucht es noch sehr viel Arbeit.

Die Fehlernährung, vor allem der Proteinmangel bei Kindern, führt auch dazu, dass das Hirn nicht richtig ausgebildet wird und so vergessen sie alles innert kurzer Zeit. Ich sehe das an meinen Frauen, die hier arbeiten. Wir haben vor etwa 2 Wochen viel Kakao geröstet und dafür eigens so etwas wie grosse Holzschaber zimmern lassen, um den Kakao gut „umrühren“ zu können. Heute habe sie Chile geröstet und dazu wieder meine Küchenutensilien geholt, um umzurühren, obwohl die „Holzschaber“ auf der Fensterbank lagen. Auf die Frage an Rosa, wieso sie die Holzschaber nicht verwendet kam die Antwort von Rosa, die immer kommt – ai, das habe ich vergessen. Und so geht das den ganzen Tag. Ich glaube nicht, dass es schlechter Wille ist oder Interesselosigkeit, es ist einfach Vergesslichkeit und das hat meiner Meinung sehr viel mit dieser Fehl- und Unterernährung zu tun.

Heute Morgen hat Rosa ganz stolz Cala (eine Art Palmensprössling) gebracht, den sie billig gekauft hat – am Mittag hat sie einfach vergessen, ihn mitzunehmen. Das ist das tägliche Leben hier – ziemlich anstrengend, alles tausendmal wiederholen zu müssen ohne sauer zu werden. Aber irgendwann wird es zur Routine und dann wird das besser.                      

In der Schule selbst ist eine Veränderung im Gange, die uns zwingt, umzudenken. Bis vor 2 Jahren kamen Schüler für das 7.-9. Schuljahr in einem Durchschnittsalter von 18 Jahren. Seit diesem Jahr haben wir jetzt die ersten 12-jährigen Kinder hier in der Schule.

Die Idee der Schule war es, Promotoren auszubilden, die das gelernte in ihre Dörfer zurückbringen und auch ihren Vätern und Müttern das Gelernte
Rgina, Catherine und Dolores in Setzol weitergeben. Die 7 bezahlten Promotoren sind alles ehemalige Schüler. Das funktioniert jetzt mit den 12-jährigen Schülern nicht mehr. Erstens werden die Eltern von ihnen nicht sehr viel annehmen, dafür sind sie zu jung und auch Promotoren werden sie nach Abschluss des 9. Schuljahres 14-jährig kaum werden.

Wir arbeiten jetzt viel mehr mit den Eltern – sie müssen 5x pro Jahr für Weiterbildungen ins Zentrum kommen. Auch die Promotorinnen besuchen jetzt
alle Eltern alle 2 Monate und können so auch mit den Frauen etwas mehr arbeiten. So ändern sich die Zeiten. Anfangs Schuljahr hatte ich damit ein lustiges Erlebnis. Die Jungs brachten mir in Säcken Kuhmist für meine Kompostwürmer. Am Abend stand neben 6 grossen Säcken mit Kuhmist ein winzig kleiner Sack. Da wurde mir so richtig klar, dass wir jetzt anders werden arbeiten müssen.

lauch in setzolAber alle Lehrer sind sehr zufrieden mit den kleinen Erstklässlern. Sie haben noch keine so feste Meinung und lassen sich sehr viel mehr begeistern. Sie hören meist interessiert zu und zeigen auch mehr Interesse. Und sie haben noch nicht Mädchen und Arbeit in Guatemala Stadt im Sinn. So wird auch einiges leichter.


Um Ostern haben mich Catherine und Regina aus Bern besucht. Unter anderem waren wir auch in den Bergen bei Dolores. (Im Bild Mitte Dolores). In den Gärten gedeihen sehr schöne Gemüse, allerdings ist es in der Trockenzeit sehr schwierig, weil die wenigsten fliessendes Wasser haben. Fast alle Familien haben 2 riesige Wassertanks, mit denen sie das Wasser
kuchen backen setzol vom Regen auffangen (ein Projekt) aber das reicht nicht auch noch zum Giessen, wenn 3-4 Wochen kein Tropfen Regen fällt. Auf dem Foto schöner Lauch. In Setzol haben wir auch Kuchen gebacken. Das geht auch ohne Ofen, habe ich lernen müssen und die Kuchen werden sehr lecker. In einem grossen Tontopf wird das mit dem Teig gefüllte Rund-Blech gestellt. Darunter wird sehr wenig Feuer gemacht, aber auf dem gedeckten Ton-Topf muss es ganz schön glühen. Und es gibt einen sehr guten Kuchen. Viele Frauen haben jetzt angefangen, diesen Kuchen zu backen und zu verkaufen. Es bringt doch einen ganz schönen Gewinn. Und der Kuchen schmeckt wirklich sehr gut.

Einige produktive Projekte von Ex-Schülern unterstütze ich mit Kleinkrediten. Diese laufen recht gut und helfen den Familien, langsam selbstständig zu werden und zu produzieren.

Auch das Projekt von der Schule in Chiacach läuft immer noch weiter. Unterdessen studieren 6 SchülerInnen auswärts weiter – so etwas wie Gymnasium meist mit einer Spezialausbildung nebenher wie Automechaniker, Elektriker, Computerspezialist usw. Allerdings haben wir da dasselbe Problem wie in der Schule hier. Die neuen 7. Klässler sind 12- jährig und haben noch nicht das Verantwortungsbewusstsein wie die ehemaligen Schüler die 16-jährig und mehr waren. Auch da werden wir neue Wege suchen müssen. Aber auch da haben jetzt alle Familien einen Garten und diese Gärten funktionieren sehr gut.


kuchen

Mit diesem Kuchen aus Setzol wünsche ich Euch noch eine gute Zeit. Ich hoffe, wir sehen uns in der Schweiz.  

Bis bald.                Helen

Spendenkonto: PC 49-8882-5 oder 30-204733-6  Helen Hagemann



12. Rundbrief aus Cahabón Ende Dezember 2008

23. Dezember 2008

Eben komme ich zurück aus Guatemala Stadt. Hektik, Verkehr, Gestank – Weihnachtseinkäufe wie in der Schweiz. Überall Weihnachtsbeleuchtungweihnachtsdeko in Cahabon und singende Weihnachtsmänner in klein (sich bewegende Puppen)  und gross (in echt). Das Ho ho ho wird schon seit Wochen in Werbespots missbraucht und tönt in jedem Einkaufszentrum. Die Supermärkte sind voll mit Weihnachtsdekorationsmaterial, genau dieselben Dinge, wie in der Schweiz – die meisten Made in China. Sogar in den Stoffläden finde ich fast nur noch weihnächtliche Stoffe in Rot und Grün wie in den USA üblich. Und da lasse ich mich verführen und kaufe für meinen Tisch eines dieser Tücher. Plötzlich habe ich Sehnsucht nach einer Weihnachtskrippe und ein bisschen Schweizer Weihnachtsumgebung trotz schönstem Wetter und ziemlicher Wärme. Ich kaufe mir am Weihnachtsmarkt 2 Glocken, einen Ring und einen Glitzerstern aus Ästen, alles von einer Familie selbst hergestellt. Ich gehe zurück zu dem  Fair Trade Laden Chikach, den ich auch mit unseren Produkten beliefere und kaufe die Krippe aus Rabinal und einige Püppchen dazu – meine vorherige Krippe habe ich im Herbst in die Schweiz mitgenommen. Ein grosses Schaf aus Maiskolbenblättern, das ich letztes Jahr geschenkt bekam, bewacht nun meine kleine Krippe auf dem USA Farben Tischtuch.

 

Nach fast 8 Stunden Fahrt komme ich mit einem Auto voll Plastikmaterial in Cahabón ziemlich müde an. Es sind vor allem grosse und kleine Behälter, die ich für die Produktion brauche und diese lade ich noch in fast völliger Dunkelheit aus im neuen Häuschen für die Produktion, Verarbeitung und Verpackung von hiesigen Produkten wie Kakao, Zimt, Pfeffer, Nägeli usw. aus.

Danach geniesse ich die „Stille“ in meiner Hängematte in Cahabón. Ich nehme die Laute der nachtaktiven Tierchen kaum wahr, höre aber die Trommeln, die Töne die durch Blasen in grosse Muscheln entstehen und die litaneiartigen Gesänge der 9 Posadas. Mit Kerzen und Gesängen wird meist eine Maria in einem geschmückten Häuschen von einem Haus zum andern und von einer Kapelle zur anderen getragen. In der Mitternachtsmesse werden sich dann alle in der Hauptkirche treffen. Zu dieser ganzen Zeit  gehören die vielen spitzen Knaller der kleinen Feuerwerkskörper der jüngsten männlichen Generation, die diese mit grossem Elan meist einzeln anzünden und dann wegwerfen.

24.12.2008

Ich schlafe etwas aus. Dann fange ich an Weihnachtsguezli -Rezepte zu suchen. Eigentlich suche ich Amerikanerli, aber weder im Internet oder unter meinen Rezepten finde ich meine Lieblings- Weihnachtsguezli. Vor einigen Tagen habe ich versucht Brunsli zu backen mit unserem Kakao – frisch gemahlenen Kakao Bohnen. Mandeln habe in Guatemala Stadt gefunden, aber recht teuer. Die Guezli waren sehr gut und im Nu verteilt und gegessen.

Nun versuche ich andere Guezli. Im Internet finde ich etwas Spannendes – Cardamom-Hafer Guezli (Rezept am Schluss) – mit Margarine statt Butterweihnachtsguezli in Cahabon und diese erst noch gesalzen und zusätzlich von unserer Schokolade oder besser gesagt, gemahlenen Kakaobohnen, hoffe ich, dass diese Guezli trotzdem gut schmecken. Sie schmeckten wirklich gut auch wenn ganz im Hintergrund die gesalzene Margarine ganz leicht zu spüren ist. Ich hoffe, ich finde noch irgendwo in der Hauptstadt ungesalzene Butter oder Margarine.

Dann mache ich mich auf die Suche von einem weiteren Rezept. „Heimlich“ habe ich nachts bei Isabel in Biel damals in der Schweiz aus einem Guezli -Kochbuch Fotos gemacht und darin ein Rezept für Mailänderli gefunden. Erst hier habe ich bemerkt, dass auch noch die Variante von weiss/brauen Mailänderli angeboten wird. Ich dachte, dass ich nur braune Mailänderli versuchen werde, weil ich ja Rezepte suche, in denen wir unseren Kakao mit einbeziehen können. Und so habe ich dem Mailänderli -Teig noch gemahlene Kakaobohnen und nochmals soviel Zucker beigegeben. Wie bei Mailänderli üblich habe ich die ausgestochenen Guezli der ersten 2 Bleche mit Eigelb eingestrichen. Da ich aber bemerkt habe, dass noch etwas Zucker fehlt, habe ich mich entschlossen, die Guezli zusätzlich und sehr unüblich bei Mailänderli mit Zuckerguss zu versüssen. Und siehe da, sie schmecken nach Mailänderli, trotz salziger Margarine, Kakaomasse und Zuckerguss Überzug. Wenn ich in der Schweiz bin, werde ich Isabel einmal diese Schoko- Mailänderli backen mit einem herzlichen Gruss und Dank. Ich geniesse die Guezli ganz besonders, am meisten davon habe wohl ich selbst gegessen.      

So nun habe ich zum ersten Mal hier Weihnachtsguezli gebacken und vielen Menschen damit eine Freude gemacht. Ich denke, dass wir diese Rezepte auch in der Kommerzialisierung mit einbeziehen werden. 

Nachts gehe ich zur Mitternachtsmesse. So ungefähr um 9 Uhr solle sie anfangen. Als ich um 9 Uhr ankomme, ist die Kirche gestossen voll und ich schlängele mich nach vorne. Sehr viele  Familien mit vielen Kindern sind anwesend. Und ich muss feststellen, dass die Messe eben gerade bei der Wandlung angekommen ist. Die Musik ziemlich laut, von einer charismatischen Gruppe mit grossen Lautsprechern gespielt und gesungen. Voll-Licht, keine Kerzen, kein Licht bei der ziemlich versteckten Krippe. Die Cofraden, die für 1 Jahr gewählten „Chefs“ der Quartier Kapellen und damit auch der Posadas, sitzen vorne im Altarraum, in der Hand den Stab als Zeichen ihres Standes. Ebenfalls alle Marienstatuen in ihren geschmückten Häuschen der Posadas sind anwesend und die sie begleitenden Torritos (siehe unten). Nach dem Segen wird dann endlich das Licht bei der Krippe angezündet. Ich gehe nach vorne, um die Krippe zu sehen, aber o weh, davor ist eine ca. 120 cm hohe Mauer aus Holz. Die Menschen knien vor der Mauer um zu der Krippe zu beten. Aber leider ist nichts davon zu sehen. Später habe ich dann folgendes erfahren: Irgendwann im Sommer kam ein Brief vom Bürgermeister in dem reklamiert wurde, dass die Weihnachtskrippe an diesem Ort auftorritosgestellt wird. Warum? Sie steht vor dem Grab eines ehemaligen Dominikaner-Priesters, der viele Jahre bis zu seinem Tod hier gewirkt hat. Es soll ein heiligmässiges Leben geführt haben. Eine Gruppe von Ladinos hier in Cahabón bemüht sich nun, den  Priester heilig sprechen lassen. Und diese Gruppe stört es, dass die Weihnachtskrippe sein Grab verdeckt, wie sie sagen! Super!

 



Draußen warten viele Menschen, um den Auszug der Posadas mitzuerleben. In der Zwischenzeit spielen die Jungs in den Torritos und tanzen.

 

 

 





posadas kommen aus der Kirche

posadas kommen aus der kirche

Dann erscheinen die 9 Posadas hintereinander, singend und betend, mit Kerzen in den Händen. Jede Posada geht dann mit den eigenen Leuten in ihre Quartierkapelle zurück um dort das traditionelle Weihnachtsessen zu geniessen. Es sind spezielle Weihnachts-Tamales. Gekochte und feingemahlene Maismasse wird mit etwas Schweineschmalz gemischt, damit sie geschmeidig wird. Daneben wird Fleisch gekocht mit Kräutern, Tomaten, gerösteten und gemahlenen Kürbiskernen, Weinbeeren, getrocknete Pflaumen und einigem mehr. Mit der Masse wird eine Kugel geformt und diese gefüllt mit dem gekochten Fleisch und mit den Zutaten. Das ganze wird in Blätter gehüllt und zugebunden und danach 2-3 Stunden im Dampf gar gekocht.








posadas im Quartier

Lange noch laufe ich der Posada des Barrio San Pedro (Quartier San Pedro) wo wir wohnen nach und schaue noch zu, wie sie empfangen werden. Mit Böllerschuss und viele Geknalle ziehen sie in die Kapelle ein und ich gehe nach Hause.     

 
Danach essen wir zusammen mit Christoph und einigen seiner Jungs noch Fondue Chinois mit selber gemachten Saucen und schon ist Mitternacht vorbei. Um Mitternacht hat jetzt hier auch der Brauch von Neujahr eingerissen. Sämtliche Familien lassen genau um Mitternacht und dann nochmals am Mittag am nächsten Tag ein riesiges gemeinsames Geknalle los mit zehntausenden Knallern in Ketten. Ein ohrenbetäubender Lärm entsteht für ca. 1 Minute. Danach herrscht totale Stille. Alle Tiere scheinen so erschreckt, dass sie weder zirpen, noch bellen, noch Krähen. Es braucht einige Minuten, bis das Leben wieder von neuem anfängt.










Weihnachten in Cahabón


teufel verbrennen

Teufer verbrennenDer Weihnachtszyklus in Cahabón fängt eine Woche vor dem 8. Dezember „Maria unbefleckte Empfängnis“ an. Für dieses Fest soll alles Böse getilgt werden – und das Böseste von allem ist der Teufel, also soll er vernichtet werden. Und da der Teufel recht widerstandsfähig ist, wird er gleich 7-mal symbolisch verbrannt, an jedem der 7 Abende ein mal. Meist werden pro Abend mehrere Teufe verbrannt und weitere Teufel tanzen mit. Jede der 7 Kapellen der Dorfquartiere bestreitet einen Abend. Tanzende Teufelgestalten wandern durchs Dorf, meist begleitet von einer Marimba. Die Teufel tragen auf dem Rücken ein Rad mit Krachern, die nach dem Eindunkeln vor der Kirche angezündet werden. Tanzend und mit viel Krach, Böllerschüssen  und Geschrei wird so der Teufel verbrannt.  Am letzen Abend mit anschliessendem grösseren Feuerwerk.

 












teufel verbrennenfeuerwerk
 

So wird das Fest für die Maria am 8. Dezember vorbereitet. In eine reine Welt ohne Versuchung soll sie kommen. Mit einem grossen Gottesdienst und Prozession mit der Mariastatue – Cahabón heisst mit vollem Namen: Santa Maria Cahabón, die Schutzheilige ist Maria, wird dieses Fest und die Maria als Mutter von Jesus gefeiert. 

 

 

toritosDie Torritos sind fast immer dabei. Es sind Stiere geformt meist aus einem Holzgestell und geflochtenen Matten, die  meist kunstvoll bemalt ist. Darunter schlüpfen Männer und Buben. Sie begleiten fast alle traditionellen Feste und Umzüge. Sie haben bestimmte Tänze, die sie immer wieder aufführen. Hier im Bild die kunstvoll bemalten Torritos bei dem Umzug der Motoxes und Jungs vom Barrio San Pedro unter ihren Stieren.totitos tanzen

 

Am Abend des 8. Dezember versammelt der Rey Fiero – der wilde oder hässliche König – den grossen Teil der Dorfbevölkerung im Gemeindesaal. Der Rey Fiero trägt eine Maske und jetzt kommen fast alle Persönlichkeiten des Dorfes an die Reihe. Über jeden wird Intimstes und Öffentliches – Gutes oder Schlechtes erzählt, was er so über das Jahr geleistet oder eben nicht geleistet hat. Manches geht für uns Europäer auch unter die Gürtellinie. Aber die Menschen amüsieren sich köstlich. Am nächsten Tag tanzen dann verkleidete Männer durch das Dorf. Sie tragen Kleider der Frauen und Männer und deren Namen auf dem Rücken, die veräppelt werden. Vieles erinnert mich dabei an die Basler Fasnacht, Schnitzelbänke und Laternen, die ja auch das politische Geschehen und Personen kommentieren.

 

posadas

 



Jetzt fangen die Posadas an. Jeden Abend ziehen sie durchs Dorf.  Singend, betend, mit Trommeln, Muscheln und Schildkrötenpanzer zum Trommeln. Manchmal mit, manchmal ohne Megaphon. 9 verschiedene Posadas gab es dieses Jahr.    

 













motoxes umzug weihnachten





motoxes kinder tanzenEine weitere „Prozession“ in dieser Zeit sind die „Motoxes“. Sie ziehen am Heiligabend durchs Dorf und besuchen Krippen in Privathäuser und Kapellen. Es sind Hirten (rosarote Masken) und Juden (weissgelockte)  begleitet von Torritos, Geigen und Gitarre (selbstgebaute Gitarre aus einem Kürbis), Muscheln, Trommeln. Es sind die Hirten und Juden, die als erstes Jesus besuchen. An jedem Ort erzählt einer die Geschichte des Besuchs bei Jesus. Dann tanzen zuerst die Hirten vor den vorbereiteten Krippen und danach die Juden. Hirten und Juden haben je ihre besondere Musik und Tanz. Danach gibt es Kakao zum Trinken und Kuchen für alle, die mitmachen und mitlaufen. 

 musik zu umzug motexes

 riesenrad an weihnachten

 Auch das gehört zu Weihnachten, viele Verkaufsstände und neuerdings sogar ein Riesenrad.                            

 

 

Cahabón am Abend des 2.12.2008

 

 

 

 

 

 

 

cahabon

Ich hoffe ihr hattet alle wunderschöne Weihnachten

und

wünsche Euch allen

viel Glück, Gesundhit, Liebe,

Frieden und Erfolg für das Jahr 2009.

Gottes Segen begleite Euch auf allen Wegen.

Mit lieben Grüssen aus Cahabón

Helen

 

REZEPT CARDAMOM-HAFER GUEZLI

ZUTATEN

Für 70 Stück

175 g Butter, weich
225 g Rohzucker (hatte leider nur Weisszucker)
80 g Kakaobohnen gemahlen oder Zartbitterschokolade

80 g Zucker zusätzlich, wenn Kakaobohnen

1 Päckchen Vanillezucker
1 Msp. Salz,

1 Ei
1 TL Zimtpulver,

1 TL Kardamompulver
100 g Mehl,

1/2 TL Backpulver
350 g Haferflöckli,

125 g Korinthen oder Sultaninen, gehackt

 

ZUBEREITUNG

1 Butter rühren, bis sich Spitzchen bilden. Zucker, Vanillezucker und Salz dazurühren. Ei beifügen und rühren, bis die Masse hell ist. Geschmolzene Schokolade (oder gemahlene Kakaobohnen) daruntermischen, Gewürze, Mehl und Backpulver mischen, dazusieben. Mit Haferflöckli und Korinthen oder Sultaninen darunter ziehen.

2 Mit zwei Löffeln baumnussgrosse Teighäufchen auf ein mit Backpapier belegtes Blech geben, leicht flach drücken.

3 In der Mitte des auf 180 °C vorgeheizten Ofens 13-17 Minuten backen.



 

13. Rundbrief aus der Schweiz Dezember 2009

Weihnachten – auch das gehört dazu. Ohne die stillende Brust seiner Mutter, hätte Jesus keinen Tag überlebt und trotzdem sieht man kaum BilderKind an der Brust der Mutter einer stillenden Maria. Aber es gibt sie. Als ich vor kurzem am Fernsehen das Innere der Geburtskirche Jesu sah, kam es mir plötzlich in den Sinn. Damals auf der Reise durch die Lebensräume Jesu mit Thomas Staubli, sah ich das Bild in der Geburtskirche an der Wand hängen. Eine stillende Maria mit dem Jesuskind. Gemalt irgendwann  vor langer Zeit. Mir ist Jesus dadurch näher gekommen, menschlicher geworden.         

In Guatemala ist dies ein alltägliches Bild, Kleinkinder werden überall gestillt, dieses Mädchen auf dem Bild auch während der Taufe in der Kirche. Eine Scheu oder Ehrfurcht hat mich meist davon abgehalten, dieses intimste Geschehen zwischen Mutter und Kind zu fotografieren. Nur manchmal habe ich halt doch gefragt, wie auf diesem Foto zu sehen ist. Ungewohnt waren auch Momente, in denen nach dem Stillen eines Kleinkindes noch schnell der 4-5 jährige Bruder bei seiner Mutter Geborgenheit suchte und an der Brust im Stehen Milch trank. Die Mutter störte dies nie. Da viele Mütter alle 1-2 Jahre ein Kind gebären, sind sie fast immer am Stillen. Kinder, deren Mütter keine Milch haben, haben meist keine Überlebenschancen. Dass andere Mütter von ihrer Milch abgeben, ist hier nicht Sitte und Milch zu kaufen, dafür fehlt das Geld.

Weihnachten in der Schweiz.  Für alle, die ich noch nicht erreicht habe. Ich bin anfangs Oktober nach 7 Jahren Guatemala wieder in der Schweiz zurückgekommen, zusammen mit Halunk, einem der Hunde, der mit mir in Cahabón gelebt hat.

Es ist gar nicht so einfach loszulassen. Immer wieder sehe ich vor meinen Augen Bilder und Szenen, einige machen mich traurig, andere bringen mich zum Lachen, bei wieder andern empfinde ich Glück und Zufriedenheit. Guatemala wird mich wohl nie ganz loslassen. Zum Glück gibt es unterdessen auch in Cahabón Internet und die Menschen haben gelernt, damit umzugehen. So bricht der Kontakt über das grosse Meer nicht ganz ab.

Ich habe meine Arbeit übergeben an das Instituto Fray Domingo de Vico in der Hoffnung, dass die Arbeit mit den Familiengärten, mit den Kochkursen, Hygieneunterricht, Brot und Kuchen backen usw. weitergeführt wird. Dolores, die Promotorin, die in den Bergen mit Familien Gärten anlegt und diese betreut, werde ich noch weiter bezahlen. Sie hat gelernt Brot zu backen und wird auch dies weiter geben können. Ich habe vor meiner Abreise noch einige Familien besucht. Die tränenüberströmten Gesichter der Frauen beim Abschied werde ich wohl nie in meinem Leben vergessen. Das Leben vieler Familien hat sich in diesen 7 Jahren grundlegend geändert. Vielen Familien und Menschen durfte ich durch meine Arbeit und mein Dasein helfen und sie ein Stück Lebensweg begleiten. Viel habe ich von diesen Menschen empfangen.

Weiter begleiten werde ich wohl die StipendiatInnen, deren Studium ich bezahlt habe, oder immer wieder eingesprungen bin, wenn das Geld des Stipendiums nicht ausgereicht hat. Einige Beispiele. Da ist einmal Angelica, die im April 2010 ihr 12. Schuljahr abschliesst mit dem Diplom, mit dem sie als Sekretärin arbeiten oder an die Uni kann. Da ist Victor, der das 13. Schuljahr Ende 2009 abgeschlossen hat mit einem Diplom als Automechaniker, auch er könnte nun an die Uni. Anibal, der als Diplomlandwirt auch Ende 2009 abgeschlossen hat, er wird wohl 2011 an der Uni weiter studieren, nachdem er etwas Geld verdient hat. Da ist Reginaldo, der Betriebswirtschaft studiert und zusammen mit einem Lehrer mit Bambus arbeitet, Stühle, Sofas und Möbel herstellt. José Reyes, der das Studium für Oberstufenlehrer Ende Jahr abgeschlossen. Hermelindo, dem ich mit Kredit für einen Brot Ofen und Landkauf geholfen habe, der wohl erst nächstes Jahr anfängt zu studieren, da sein Bruder jetzt die Schule abgeschlossen hat. Mit ihnen alles bin ich per Internet verbunden.           

Auch die Kommerzialisierung, die ich in den letzten 2 Jahren im Instituto aufgebaut habe, hat gute Chancen den Menschen etwas besseren Verdienst zu bringen. Es ist allerdings schwierig und teuer, Bewilligungen für den Verkauf von Lebensmitteln zu bekommen. Am Tag vor meinen Abflug habe ich die Bewilligung für den Verkauf von 20 Produkten im Ministerium abgeholt und darauf bin ich stolz.  

Das Gesetz bevorzugt die grossen Hersteller und transnationalen Konzerne, die Millionen des gleichen Produktes verkaufen. Jede Bewilligung, und die gilt nur für 3 Jahre, kostet Q 1500.00, das ist sehr viel Geld, wenn man bedenkt, dass zum Beispiel eine Schoko-Kugel Q 1.20 kostet oder das Kakao-Pulver Q 18.00 inkl. der Mehrwertsteuer von 12%. Eigentlich können sich die kleinen HerstellerInnen das gar nicht leisten. Die Kosten für die Bewilligungen hat für den Anfang glücklicherweise ein Hilfswerk übernommen. Alle Zutaten stammen aus Cahabón mit Ausnahme des Zuckers. Da das Institut daran ist, mit den Bauern den Kakaoanbau zu verbessern, Zimt-, Pimienta Gorda und Nägelibäume und Pfefferpflanzen anzubauen wird der Verkauf dieser Produkte und weiterer neuer Produkte den Bauern in Cahabón einen bessern Verdienst bringen.

Probleme wird den Bauern wohl die Klimaänderung bringen. Sie ist sehr stark spürbar. Seit meiner Ankunft vor 7 Jahren hat sich die Regenmenge fast halbiert. Das tropisch-feuchte Klima, das zum Beispiel Kardamom braucht, verändert sich. Die Ernte der 2 Hauptgeldbringer in Cahabón, die Kakaoernte, sowie die Kardamomernte waren dieses Jahr sehr gering, da der nötige Regen gefehlt hatte. Der über Jahrhunderte gut berechenbare Anfang des Regens im Mai nach der Trockenzeit ist nicht mehr berechenbar. Schon 2 Jahre hintereinander mussten ein grosser Teil der Bauern den Mais 2-mal aussäen, weil der Regen nicht zur richtigen Zeit kam. Nach der Saat ein einmaliger Regen, der den Mais spriessen liess und danach wieder 3-4 Wochen ohne einen Tropfen Regen, der alles wieder verdorren liess. Viele Bauern haben das Geld für eine 2. Saat nicht. Der Mais, der im Januar geerntet wird, ist dieses Jahr an vielen Orten vertrocknet, bevor er Maiskolben gebildet hat. Ich hoffe, dies geht nicht weiter so. Allerdings habe ich in einer Berechnung des zukünftigen Klimas mit Schrecken festgestellt, dass Zentralamerika der  Zone der Trockenheit zugerechnet wird.               

Die Situation in Guatemala hat sich in den letzten Jahren einerseits gebessert aber andererseits auch verschlechtert. Es gibt sicherlich mehr Menschen, denen es etwas besser geht. Viele Menschen sind aus ihren weit entfernten Bergdörfern heruntergekommen in Dörfer in der Nähe von grossen Strassen. Es sind aber auch viele Strassen entstanden, die die Menschen etwas näher an die Zivilisation bringen. Es wird einfacher, Landwirtschaftsprodukte, Kunstobjekte und Websachen zu verkaufen.

Es wurden sehr viel Schulen gebaut, sehr viel mehr Kinder haben nun Zugang wenigstens zu einer Grundschule. Es wurde Arbeit geschaffen, vor allem in Einkaufszentren, Schnellimbiss-Ketten, Autowerkstätten, Banken und grossen Verkaufsketten, die Fernseher, Computer, Herde, Waschmaschinen, Kühlschränke und Wohnungseinrichtungen verkaufen. Unterdessen kann ich in Guatemala alles einkaufen, was es hier in der Schweiz gibt, inklusive Fondue-Caquelon und  den passenden Käse dazu.

Die Globalisierung ist in die letzten Winkel Guatemalas vorgedrungen und damit auch der Konsum. Die Menschen wollen auch dazu gehören, die Propaganda für all das Neue ist sehr aggressiv. Also kaufen sie in den Dörfern Coca Cola, Kaugummi, Fertigsuppen und Chatarra (Schrott), kleine Tüten mit 4-5 g von frittiertem Kartoffelschaum, gut gesalzen und gewürzt, 4-5 g süsse frittierte Schäumchen usw. Kein Nährwert, aber viele Kinder kaufen dies vor dem Essen und haben dann keinen Hunger mehr für richtiges Essen. Wenn ein Kind zwängt, bekommt es schnell mal etwas Kleingeld und rennt in den Laden, um sich was zu kaufen. In jedem kleinsten Dörfchen gibt es inzwischen kleine Läden. Mit diesen kleinen Läden wird recht viel Geld verdient und es gibt Tausende davon in Cahabón.

Manchmal frage ich mich trotzdem, woher das ganze Geld kommt. Auch weiterführende Schulen oder das Lehrerstudium sind sehr teuer. Viele LehrerInnen beginnen ihre Arbeit mit einem Schuldenberg von Q 15-20'000. Viele Menschen leben auf Pump. Selbstmorde von Vätern, die sich nicht mehr zu helfen wissen, nehmen zu. Alles kostet Geld heute und ist teurer geworden, aber die Preise für die Landwirtschaftsprodukte sinken.

Guatemala hat Freihandelsabkommen mit Mexiko und den USA und ist am Verhandeln von neuen mit der EU und China. Im Endeffekt läuft es bei allen diesen Freihandelsabkommen auf dasselbe hinaus. Guatemala muss alle Waren aus den Ländern der Freihandelspartner akzeptieren, aber der Export aus Guatemala in diese Länder wird mit allen Mitteln behindert. Wie mir der Direktor einer Export-Kooperative, die seit Jahren mit Erfolg Gemüse in die USA schickt erklärte, kommen seit dem Abkommen mit den USA die Hälfte der mit Gemüse gefüllten Containern wieder retour. So läuft dies nicht nur in Guatemala, sondern auf der ganzen Welt. Moderner Kolonialismus.

Eine weitere Gefahr in Guatemala ist die Produktion von Ethanol aus Mais. Die Menschen leben von Mais, es ist das Hauptnahrungsmittel. Jetzt tauchen in der Nähe von Strassen plötzlich Männer auf, die das ganze Maisfeld einfach kaufen und mit Maschinen abernten. Die Bauern sehen das schnelle Geld, ohne arbeiten zu müssen. Aber das Geld reicht niemals, um den Mais zu kaufen, den das Feld produziert hätte, um die Familie zu ernähren. Obendrein bleibt das abgeerntete Maisfeld ungeschützt Wind und Regen ausgesetzt. Dazu kommt, dass an vielen Orten Urwald von Reichen illegal gerodet wird, um Ölpalmen anzubauen. Oder noch einfacher für die Grossgrundbesitzer, man vertreibt einfach die Bauern von ihrem Land, wenn sie nicht billig verkaufen, werden sie einfach bedroht.  

Das schlimmste wohl für alle Einwohner ist die grosse Kriminalität in Guatemala. Die tägliche Unsicherheit. Das Leben zählt nichts mehr. Jeden Tag werden allein in der Hauptstadt 20-25 Menschen umgebracht. Aber die Kriminalität bleibt nicht mehr in den grossen Städten. Die Familie eines Arbeitskollegen wohnt in San Jerónimo. Ein beschauliches Dorf mit vielleicht 2000 Einwohnern. Immer war es ruhig hier, keine Einbrüche, keine Morde. Letztes Jahr wurde nun 2 Häuser von seinem Häuschen entfernt, ein Schwager aus seinem Haus gezerrt und auf der Strasse erschossen. Ein Halbbruder, der am Waschen eines Busses war und das Ganze mit angesehen hatte, wurde ebenfalls erschossen. Dieses Jahr im Frühling wurde in sein Haus eingebrochen und einiges gestohlen. Vor 2 Wochen wurde der Hund Rocky – ein Bruder meines Hundes - betäubt, die Leute brachen ein und stahlen alle seine Hühner und Kaninchen. Die Menschen haben Angst – alle Menschen. Etwa 2% der Verbrechen werden aufgeklärt.                   

Die sogenannten 3-Welt-Länder haben es schwierig, der Hunger nimmt weltweit zu. Die Gewalt nimmt weltweit zu. Es läuft in etwa auf der ganzen Welt im gleichen Schema. Auch in unseren sogenannten entwickelten Ländern läuft es nicht sehr gut. Besitzstandwahrung heisst es hier. Etwas davon abgeben macht Angst.

Schaue ich das Ganze an, gibt es kaum Hoffnung.

2 kinder aus san cristobal sacta

Schaue ich aber die vielen Millionen einzelner Initiativen und Schritte an,

dann gibt es sehr viel Hoffnung.

Der Widerstand gegen all die Ungerechtigkeit wächst weltweit.

Es gibt Millionen guter Initiativen, die Menschen stärken.

Es gibt Millionen Menschen, die sich für andere einsetzen.

Es gibt Millionen Menschen, die sich per Internet vernetzen.

Es gibt Millionen Menschen, die gegen die Ungerechtigkeit kämpfen.

Es gibt Millionen Menschen, die sich für die Umwelt einsetzen.

Es gibt Millionen Menschen, die an einen Wandel glauben.

Es gibt Milliarden Kinder und Jugendliche die diese Hoffnung in ihren Herzen tragen.

 

Mit dieser grossen Hoffnung im Herzen

wünsche ich Euch Allen gesegnete Festtage

und

einen fröhlichen Rutsch ins 2010

Und mit den 2 Jungs auf dem Foto

GLÜCK, ZUFRIEDENHEIT, GESUNDHEIT, FRIEDEN, TEILEN

UND GOTTES GROSSEN SEGEN

FÜR DAS NEUE JAHR 2010

 
Helen Hagemann

Es würde mich freuen, von Euch zu hören. 


 
Helen Hagemann
[email protected]

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